Die wundervolle Welt der Ameisenparasiten: Wespen der Familie Eucharitidae

    • Die wundervolle Welt der Ameisenparasiten: Wespen der Familie Eucharitidae

      Auf der malaiischen Halbinsel sammelte ich kürzlich ein Volk einer dort sehr häufigen Diacamma Spezies. Das Nest war sehr leicht zu sammeln; es befand sich in einem morschen Ast einer Palmölpalme in einer Plantage. Die Ölpalmplantagen, welche in Malaysia einen Großteil der Landschaft ausmachen, sind nicht sonderlich artenreich, aber dennoch findet man eine ganze Anzahl an Ameisenarten in hoher Abundanz; dazu gehört die benannte Diacamma Art, sowie Odontoponera denticulata, Gnamptogenys menadensis, Odontomachus simillimus und Anoplolepis gracilipes.
      Während der Trockenzeit leben alle diese Ameisenarten tendenziell in selbstgegrabenen Bodennestern, aber wenn in der Regenzeit die Plantagen überflutet sind, ziehen Diacamma und Gnamptogenys in oberflächlich gelegenere Nistgelegenheiten, meistens in Totholz. Dort kann man sie dann sehr einfach aufsammeln.
      Die Diacamma Kolonie war noch sehr jung, und enthielt nur etwa 20 Arbeiterinnen. Wahrscheinlich hat sie sich erst kürzlich von einer größeren Kolonie abgespalten, die einzige Möglichkeit zur Koloniegründung in Diacamma. Die kleine Kolonie zog problemlos nach ihrer Exkavation in ein Reagenzglasnest.

      Zwei Tage später viel mir etwas seltsames auf; in dem Reagenzglas lief, von den Diacamma völlig unbeirrt, eine kleine, aber sehr hübsche Wespe umher! Sie gehörte zur Familie der Eucharitidae, und ich hatte vorher schon Bilder von ihnen im Internet gesehen, aber noch nie eine lebendig zu Gesicht bekommen. Das Aussehen der Wespen ist äußerst seltsam, fast außerirdisch, mit einem schönen metallischen Glanz, welcher entfernt an Goldwespen erinnert (immerhin gehören die Eucharitidae zur selben Superfamilie, den Chalcidoidea).


      Die Eucharitidae, die etwa 700 Arten in 53 Gattungen umfassen, ist die einzige Wespenfamilie die sich nur auf die Parasitierung von Ameisen spezialisiert haben. Die Arten besitzen eine gewisse Wirtsspezifität, wobei eine Art zumindest auf eine Ameisengattung beschränkt ist. Es gibt eine ganze Reihe an Ameisen die parasitiert werden, dazu Vertreter aus den Unterfamilien Myrmicinae, Ponerinae, Formicinae und Ectatomminae. Aber es gibt sie längst nicht für alle Ameisen; bislang sind keine Eucharitidae bekannt für z.B. die UF Dolichoderinae oder die Treiberameisen (Dorylinae).
      Um die sonst gegen Parasiten stark wehrhaften Ameisenvölker zu penetrieren, haben die Wespen dabei erstaunliche Strategien entwickelt und besitzen einen seltsamen Lebenszyklus. Die Larven der Wespen parasitieren die Puppen der Ameisen - doch wie kommen sie ins Nest? Nicht die erwachsenen Tiere dringen ins Nest ein, sondern die Larven. Die Wespen legen ihre Eier auf bestimmten Pflanzenarten ab, aus denen dann die winzigen Larven schlüpfen. Die Larven dieses ersten Larvenstadiums werden als Planidien bezeichnet, und sind stark sklerotisiert und erstaunlich beweglich; sie müssen nun ihre Wirtsameisen finden und mit ihnen in das Nest kommen, entweder indem sie sich selbst tragen lassen oder sich an Beutestücken aufhalten und so ins Nest gelangen (bei den meisten Arten weiß man den genauen Vorgang noch gar nicht so genau).
      Hier ein Video von dem Eucharitidae- Experten John Heraty, das diese Larven auf extrafloralen Nektarien zeigt.


      Wurden die Puppen erfolgreich gefressen und schlüpfen nun die erwachsenen Wespen im Ameisennest, müssen diese vor den Ameisen geschützt werden - warum erkennen die Ameisen diese nicht als Feind und greifen sie an? Die Wespen machen eine chemische Tarnung; ihr Kohlenwasserstoffprofil auf ihrer Oberfläche (Cuticula) ähnelt den Ameisen, die sie parasitieren. Die Ameisen denken daher, dass es sich um Nestgenossinnen handelt, und lassen sie gefahrlos passieren.

      Bei der Ameisengattung Diacamma wurde erst letztes Jahr zum ersten Mal eine Euchartidae Wespe beschrieben, Schizaspidia diacammae. Diese parasitiert die u.a. in Nordthailand heimischen Diacamma scalpratum. Ich gehe davon aus, dass "meine" Wespe auch zur Gattung Schizaspidia zugerechnet werden kann, allerdings sieht sie anders aus als S. diacammae und die Diacamma Art ist auch ziemlich sicher nicht D. scalpratum. Ich habe mal dem Experten Heraty mal eine Mail geschrieben, und warte aber noch auf die Antwort, aber vielleicht kann er die Art bestimmen.
      Außerdem werde ich das Kohlenwasserstoffprofil extrahieren, um nachzuschauen, ob auch diese Wespe eine chemische Tarnung aufweißt - was sehr wahrscheinlich ist, da die Diacamma der Wespe nichts antun und sie frei im Nest umherlaufen kann.

      Ich habe mich ein wenig in die Literatur über Euchartidiae eingelesen, und finde es äußerst spannend. Hier ein paar weiterführende Quellen, falls sich noch jemand dafür begeistern kann:

      Peeters, C., Heraty, J. & Wiwatwitaya, D. 2015. Eucharitid wasp parasitoids in cocoons of the ponerine ant Diacamma scalpratum from Thailand. Halteres 6: 90-94
      Heraty, J.M., Mottern, J.M. and Peeters, C. 2015. A new species of Schizaspidia, with discussion of the phylogenetic utility of immature stages for assessing relationships among eucharitid parasitoids of ants. Annals of the Entomological Society of America 108. doi:10.1093/aesa/sav062
      Murray, E.A., Carmichael, A.E. and Heraty, J.M. 2013. Ancient host shifts followed by host conservatism in a group of ant parasitoids. Proceedings of the Royal Society B 280: 20130495

      Grüße, Phil
    • Gerade eben staunte ich nicht schlecht, als im Terrarium einer anderen Diacamma Kolonie nun plötzlich auch zwei dieser parasitären Wespen herumflogen. Ich habe nur diese zwei Kolonien gesammelt, und dass beide von den Parasiten betroffen sind, scheint ein deutlich Hinweis darauf zu sein, dass die Wespen zumindest in der Gegend nicht selten zu sein scheinen. Komisch nur, dass es noch nie jemanden aufgefallen ist.
      Außerdem habe ich inzwischen die cuticulären Kohlenwasserstoffe von einer der Wespen und einer Diacamma extrahiert, und werde darüber aber noch später irgendwann genauer berichten.
      Leider habe ich noch keine Antwort vom Experten erhalten, weshalb ich nichts neues über die Art sagen kann.

      Grüße, Phil
    • Ich habe nun mehrere Experten angeschrieben, aber niemand konnte mir bei dem Parasiten weiterhelfen. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es eine unbeschriebene Art ist.
      Immerhin war Herbert Zettel vom Naturkundemuseum in Wien so nett, und konnte mir die Diacamma Art bestimmen; es handelt sich um Diacamma indicum (im weitesten Sinne). Diese Art wird aber gerade überarbeitet, denn sehr wahrscheinlich handelt es sich um mehrere cryptische Arten.

      Grüße, Phil