Unbegattete Gynen in der Haltung und in der Natur

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    • Unbegattete Gynen in der Haltung und in der Natur

      Moin moin,

      wie ich in meinem Haltungsbericht zu den Messor schon erwähnt habe, haben sie Geschlechtstiere aufgezogen. Dabei handelt es sich, soweit ich es sehen kann, nur um Gynen, Männchen konnte ich noch nicht entdecken.
      Einige der Gynen haben verletzte Flügel oder sogar ihre Flügel mittlerweile abgeworfen und scheinen die Arbeit von gewöhnlichen Arbeiterinnen zu übernehmen, wenn ich jedoch das Nest in der Natur finden und öffnen würde, würde man nach reinem Augenschein glauben, dass es sich um eine polygyne Messor-Kolonie handeln würde.

      Ein ähnliches Verhalten von Gynen, die sich wie Arbeiterinnen verhalten, konnte man in Barristans Beiträgen über seine Pheidole spathifera und seine Polyrhachis dives lesen und auch bei meinen P. pieli, die sich zwar im Nest auch begatten, konnte ich letztens eine Gyne am Futter entdecken.

      Ich gehe also davon aus, dass dieses Verhalten zumindest in der Haltung normal ist. Konntet ihr auch sowas beobachten?

      Daraus abgeleitet, stelle ich mir folgende Fragen:

      - Konntet ihr auch sowas beobachten?

      - ist das ein Phänomen, was es auch in der Natur gibt?

      - Wie wird bei der Entdeckung neuer Ameisen determiniert, ob diese polygyn oder monogyn sind. Werden dort die Gynen immer seziert oder reicht da manchmal auch der Augenschein?

      Viele Grüße,
      Holger
      Mein Diskussionsthread mit Links zu meinen HBs

      Ein Leben ohne Messor ist möglich, aber sinnlos! - frei nach Loriot
    • Was das Aufziehen von Geschlechtstieren betrifft, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, zwar nicht bei Messor, aber anderen Arten, dass das in der Haltung wohl gar nicht so einfach zu beurteilen ist.
      Man liest aber auch oft, dass größere Völker schon Geschlechtstiere aufziehen, aber oft nur entweder Männchen oder Weibchen.
      Bei meinen Temnothorax crassispinus und Leptothrax acervorum hatte ich bisher jedes Jahr Geschlechtstiere beider Geschlechte. In diesem Sommer aber auch nur Männchen???

      Es ist wohl von mehreren Faktoren abhängig, was gerade vorrangig ausgebildet wird. Hierzu müsste man wohl aber Temperatur, Feuchtigkeit, Futter und Futterangebot und anscheinend auch die Koloniegröße miteinbeziehen. Das läßt sich wohl kaum bewerkstelligen.
      LG Franz
    • Hallo Chris,
      ich denke in der Kolonieentwicklung kann das durchaus vorkommen dass erstmal nur weibliche Geschlechtstiere aufgezogen werden.
      Dass dies aber in der Haltung nicht zwingend sein muss zeigten mir meine Meranoplus. Bei der Kolonie (die auch noch existiert) hatte ich zeitgleich weibliche und männliche Geschlechtstiere.
      Auch bei mir hatte ich dealate Gynen die keinerlei Anstalten machen zu gründen. Dealate Königinnen die sich wie Arbeiterinnen verhielten konnte ich ebenfalls bei Neoponera apicalis beobachten wobei die Ponerinae allgemein oftmals eine etwas differenzierte Rolle spielen.
      Wissenschaftliche Artikel die uns helfen könnten habe ich gerade nicht zur Hand. Ich kann mich aber mal auf die Suche begeben. Aber vielleicht weiß ja ein jemand was der schon einen Abschluss in der Thematik gemacht hat :D
      Grüße Nils
      "Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat" - Winston Churchill
    • Hallo zusammen,

      das Phänomen, dass unbegattete Königinnen irgendwann ihre Flügel abwerfen und sich als Arbeiterinnen in der Kolonie betätigen, ist uraltes Ameisenhalterwissen und kann bei beinahe allen Ameisen beobachtet werden. Der Grund dahinter ist recht simpel; als unbegattete Tiere können sie keine neuen Kolonien gründen, und die einzige Möglichkeit, ihren Reproduktionserfolg zu erhöhen (=das Ziel allen Lebens), ist ihrer Verwandtschaft auszuhelfen (da sie die meisten Gene teilen, Stichwort "indirekte Fitness"), also ihrer Mutter & Schwestern.
      Das Phänomen tritt aber fast nur bei der Haltung von Ameisen zustande; in der Natur wäre es viel zu kostspielig, Königinnen aufzuziehen, die dann am Ende doch nichts weiter können als normale Arbeiterinnen. In der Natur würden natürlich fast alle Tiere versuchen auszufliegen wenn die Schwärmzeit da ist, oder sich sonst wie aus dem Staub machen. In der Haltung geht das durch geschlossene Terrarien nicht.

      Es gibt aber natürlich Ausnahmen, z.B. wurden unbegattete Königinnen auch in der Natur bei Acromyrmex gefunden (Studie siehe weiter unten). Man muss aber nicht bis nach Südamerika fliegen; wer im Herbst schon mal Temnothorax nylanderi gesammelt hat, dem wird aufgefallen sein, dass manchmal die Nester mehrere unbeflügelte Königinnen beherbergen. Die Königinnen sind unbeflügelt, aber unbegattet; und verschwinden irgendwann mysteriöser Weise im Frühjahr. Warum die das machen, keine Ahnung...

      In dem Sinne muss man, um sicher zu gehen, dass ein Volk auch polygyn ist, die Spermatheken überprüfen. Aber selbst das reicht nicht für eine 100% sichere Aussage aus: Es könnten sich nämlich mehrere begattete Königinnen im Nest befinden, aber nur eine davon legt Eier (also eine funktionell monogyne Kolonie). Oder mehrere Königinnen legen Eier, aber fressen sie sich gegenseitig in Konkurrenz weg, wie z.B. bei Leptothorax acervorum. Es ist also nicht leicht, eindeutig festzustellen, ob eine Ameisenkolonie polygyn ist; die einfachste Methode wären wahrscheinlich genetische "Mutterschaftstest" der Arbeiterinnen einer Kolonie.

      Lustiger Weise ist das bei Haltern schon vermutlich uralte Phänomen nie so wirklich bei Wissenschaftlern angekommen :D Ich vermute, dass die Beobachtung schon oft gemacht wurde, aber niemand hat daran weiter geforscht und daher nicht publiziert. Und was in der Wissenschaft nicht publiziert ist, fällt unter den Tisch. Tatsächlich hat es eine "Correspondence" (so eine Art kurze Kommunikation, kein wissenschaftliches Paper) sogar 2012 in das high-impact Journal "Current Biology" geschafft, über die weiter oben erwähnten unbegatteten Königinnen bei Acromyrmex:

      Nehring, Boomsa, d'Ettorre (2012) Wingless virgin queens assume helper roles in Acromyrmex leaf-cutting ants. Currrent Biologie 22( 17):R671-673
      sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982212007142

      Die Autoren glauben sogar, dass das Phänomen vielleicht nur bei Pilzzüchtern vorkommt, und stellen einige Hypothesen auf, warum das so sein könnte. Hätten mal vorher einen Ameisenhalter fragen sollen :D Wobei sie natürlich recht haben könnten im natürlichen Kontext, wo das Phänomen tatsächlich sehr selten vorkommt.
      Auf der verlinkten Seite kann man übrigens die "Supplemental Information" herunterladen, wo ein kurzes Review zum arbeiterinnenähnlichen Verhalten von Königinnen zu finden ist.

      Grüße, Phil

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Phil ()

    • Hey Phil,

      vielen Dank schon mal für deine ausführliche Antwort!
      Dass Gynen irgendwie "genutzt" werden, habe ich mir schon gedacht, denn die Kolonie steckt ja einiges an Energie in die Aufzucht. Diese Energie wäre ja verloren, wenn man die Gynen, die nicht zur Reporduktion geeignet sind, einfach nur durchfüttern oder töten würde.

      Ein Punkt, den ich leider noch nicht beobachten konnte, ist der Grund für das Ablegen der Flügel. Einer könnte die Tatsache sein, dass die Ameisen sich in einem abgeschlossenen Terrarium befinden und ein Schwarmflug unmöglich ist. Dagegen spricht in meinen Augen die Tatsache, dass die Ameisen schlechte Kletterer sind und aufgrund der Talkumschicht den Deckel auch noch überhaupt nicht erschlossen haben.
      Dafür spricht allerdings, dass die Kolonien ja ihren Schwarmflug irgendwie synchronisieren, nach meinem Wissensstand ist das ja noch recht unklar, wie das möglich ist. Aber sicher ist, dass meine Messor hier in der Haltung weder die klimatischen Bedingungen ihrer Heimat mit den feinen Schwankungen spüren können noch irgendwie sich mit anderen Kolonien austauschen können. Sie sind ja wirklich isoliert. Vielleicht merken die Ameisen das ja auch irgendwie und erkennen, dass es sinnlos wäre, einen Schwarmflug zu starten (bisher gab es auch noch keine entsprechenden Versuche).

      Losgelöst davon könnte man noch die Gynen betrachen, deren Flügel geschädigt sind. Zumindest in meiner Kolonie gibt es einige Exemplare, die mit krummen und offensichtlich fluguntauglichen Flügeln ausgestattet sind. Ich weiß nicht, woran es letzten Endes liegt, aber ich würde darauf tippen, dass es diese Gynen sind, die die verkrüppelten Flügel als lästigen Ballast schließlich abwerfen. Immerhin gibt es auch einige Gynen mit normalen Flügeln, die theoretisch jederzeit losfliegen können.

      Weißt du da vielleicht sogar noch mehr oder haben andere Halter hier noch Erfahrungen? Offenbar kann hier die Wissenschaft wirklich von Haltungserfahrungen profitieren und umgekehrt!

      Viele Grüße,
      Holger
      Mein Diskussionsthread mit Links zu meinen HBs

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    • Unbegattete Königinnen bei Myrmecia - ein Naturphänomen?

      Australische Bulldoggenameisen sind sehr ursprüngliche Ameisen in ihrer Koloniestruktur, die einzelnen Tiere sind äußerst selbstständig, die Königin unterscheidet sich nur gering von den Arbeiterinnen, bei einigen Arten gibt es ergatomorphe Königinnen.
      Dass es in der Haltung das in den obigen Beiträgen beschriebene und unnatürliche Phänomen der Wiedereingliederung von entflügelten Jungköniginnen auch oder gerade auch bei Myrmecia Arten gibt, ist ein alter Hut.

      Inzwischen bin ich mir allerdings auch ziemlich sicher, dass bei Myrmecia auch in der Natur relativ häufig unbegattete Königinnen vorkommen, allerdings nicht in bestehenden Kolonien, sondern selbstständig gründend und Brut (Männchen) aufziehend.

      2015 fand ich unabhängig voneinander zwei Königinnen von Myrmecia pavida - etwa ein halbes Jahr nach dem Schwarmflug, die also schon überwintert hatten. Sie hatten sich in freier Wildbahn ein typisches Gründungsnest gegraben und in den ersten Tagen des australischen Frühlings hatten sie bereits zahlreiche Larven und Eier.
      Erst einige Monate später stellte sich heraus, dass diese Königinnen anscheinend unbegattet waren, sie zogen nur Männchen auf.
      Hätten sie das in der Natur auch getan? Ich denke ja, sie waren auf dem besten Wege.

      Für mich bleibt die Frage nach dem Nutzen; dass sie von ihren selbst herangezogenen Männchen nachträglich begattet werden, kann ich heute einigermaßen ausschließen, ich habe sie bis heute gehalten und die zahlreichen produzierten Männchen zeigen keinerlei Interesse an der eigenen Königin. Möglich, dass sie später nachträglich von anderen schwärmenden Männchen begattet werden können.
      Ich halte es allerdings für sehr viel wahrscheinlicher, dass der Mechanismus zur Koloniegründung bei Myrmecia ganz einfach viel tiefer und grundlegender verankert ist, als bei höher entwickelten, neueren Arten. Die Begattung scheint also kein Schlüsselreiz zu sein, der erst das Gründungsverhalten und den Abwurf der Flügel hervorruft, sondern die Jungköniginnen zeigen dieses Verhalten nach dem Schwarmflug, egal ob eine Begattung stattgefunden hat oder nicht.

      Dazu passt, was ich bei einer jungen Myrmecia gulosa Königin vor einigen Tagen beobachten konnte. Ich hatte sie vor mehr als zwei Monaten von der Kolonie getrennt, sie lebte vor sich hin, warf nie ihre Flügel ab. Vor ein paar Tagen setzte ich sie unter einen Spotstrahler bei knapp 30 Grad, wollte sie in Schwarmflugstimmung bringen. Sie fing sofort an, ihre Flügel zu spreizen, sich für das Abfliegen warm zu machen und nervös umherzulaufen.
      Jetzt setzte ich ein Männchen aus meiner Kolonie dazu. Dieses zeigte allerdings keinerlei Interesse an der Königin, stattdessen fiel diese immer wieder kurz über das Männchen her. Der Koloniegeruch war wohl noch zu ähnlich, als dass das Männchen sich verpaart hätte.
      Das für mich Erstaunliche: Plötzlich begann die Jungkönigin, die ich vorher wochenlang gehalten hatte, ihre Flügel abzubrechen, eine halbe Stunde später war sie flügelfrei. Sie zeigte jetzt eine hohe Aggressivität gegenüber ihrer alten Kolonie, eine Wiedereingliederung war undenkbar. Obwohl keine erfolgreiche Begattung stattgefunden hat, warf die Königin also ihre Flügel ab und verhält sich seitdem wie eine typische gründende Jungkönigin.

      Ich schreibe das Ganze deshalb, weil es in letzter Zeit mit den gehandelten Myrmecia Königinnen eine Menge Probleme zu geben scheint und die Larvenform bei einigen Haltern auf Männchen hinzuweisen scheint - das mal absichtlich so vage formuliert. Nach meiner Erfahrung mit den gesammelten, unbegatteten Myrmecia pavida Königinnen handelt es sich wohl wahrscheinlich eher nicht um absichtlichen Betrug, sondern vielleicht kommen unbegattete Königinnen bei einigen Arten häufiger vor als bei anderen; bei Myrmecia brevinoda gab es vor einigen Jahren breit gestreut ähnliche Probleme. Für mich bleibt da nur eins:

      Wer seinen Kunden gegenüber verantwortungsvoll handeln und Probleme vermeiden will, sollte Myrmecia Arten erst nach der erfolgreichen Gründung abgeben.

      Oder anderherum: wer eine einzelne Königin kauft, sollte sich bewusst sein, dass er so ein gewisses Risiko mitkauft.

      Leider lockt manchmal vielleicht auch das schnelle Geld, aber nachhaltig ist das dann nicht.

      LG, Phillip
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)
    • Phillip Alexander schrieb:


      Wer seinen Kunden gegenüber verantwortungsvoll handeln und Probleme vermeiden will, sollte Myrmecia Arten erst nach der erfolgreichen Gründung abgeben.

      Oder anderherum: wer eine einzelne Königin kauft, sollte sich bewusst sein, dass er so ein gewisses Risiko mitkauft.

      Leider lockt manchmal vielleicht auch das schnelle Geld, aber nachhaltig ist das dann nicht.
      Scheinbar sind auch Königinnen mit Arbeiterinnen im Handel, die Männchen aufziehen: Myrmecia pyriformis - Gründungsprobleme & Haltungserfahrungen

      Da ich gutgläubig davon ausgehen will, dass die Königinnen zumindest vernünftig aus der Natur gesammelt werden, wäre das ein weiterer Hinweis darauf, dass es in der Natur häufiger auch unbegattete Königinnen bei Myrmecia gibt, die ihre Flügel abwerfen.

      LG, Phillip
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)