Wenn bei Karl Hölldobler die Ameisen ausbrechen...

    • Wenn bei Karl Hölldobler die Ameisen ausbrechen...

      Guten Abend,

      soeben hat mich ein Freund auf ein herrliches altes Werk vom Vater von Bert Hölldobler, Karl Hölldobler, aufmerksam gemacht. Es trägt den umständlichen Titel "Über die Ameise als Einzelwesen und über die Bedeutung dieser Individualität für den Ameisenstaat als Individuum höherer Ordnung" und ist voller anekdotischer Beobachtungen, wie sie damals noch in der Wissenschaft üblich waren.

      Ich konnte mir an vielen Stellen ein Schmunzeln nicht verkneifen, vor allem als er über seine Ameisenhaltung berichtet:
      Mitte Januar 1953 erhielt ich von Herrn Dr. Kloft, Würzburg, aus Neapel ein wohl verpacktes Paket mit dem Hinweis, dass darin eine Kolonie der von mir gewünschten Camponotus lateralis mit Königin sei. Leider hatte ich zunächst aus beruflichen Gründen keine Zeit mich mit der Sendung zu befassen, und ich stellte das Paket bis zum Wochenende in das Ameisenzimmer. Ein Formicar wurde vorbereitet und am Sonntag morgen ging ich voll Erwartung an das Öffnen des Paketes. Es war sehr bruchsicher verpackt und enthielt eine grosse Glastube, deren Kork durchnagt war und — keine einzige Ameise mehr. Nun fand ich auch die Ausbruchstellen an den verschiedenen Hüllen des Paketes. Ich bedauerte den Verlust der Kolonie sehr und wandte mich meinen anderen Nestern zu, die ich in diesem Raum hielt, und deren Bewohner frei durch Labor und Wohnung streifen konnten. Sie hatten alle schon gelernt, dass es zur Zeit, wenn Staubsauger, Putzlumpen und Bohner das Feld beherrschen, im Formicar am sichersten ist. Abends machten sie ihre Streifzüge durch die sehr weitläufige Wohnung. Namentlich von meinen Camponotus herculeanus kamen jeden Abend einige in mein gut 20 m entferntes Schreibzimmer und ich war immer wieder überrascht, welche scheinbaren Nichtigkeiten die Ameisen einschleppten, obwohl bester Honig und Mehlwurmpuppen zur Verfügung standen. Ein alter Schmetterlingsflügelm z. B. und sonstiges wertlos erscheinendes Gut wurde mitgenommen.Die Kolonien gediehen aber ganz prächtig. Da fielen mir auf dem Formicar-Tisch einige tote Formica gagates auf, und ich vermutete schon, dass meine sogenannte Räuberbande, meine Lasius niger, wiedereinen Streich gespielt hatten. Als ich das gagates-Nest abdeckte, war es sehr gut besiedelt — aber von Camponotus lateralis. Alle Ausgänge und die Bewässerungslöcher waren von dickköpfigen Ameisen besetzt,so wie wir es von den bekannten Bildern von Colobopsis truncata kennen.Die Camponotus lateralis hatten das Nest fest in Besitz genommen und schienen keinerlei Lust zu haben es wieder aufzugeben. Die gagates taten mir leid. Sie waren samt ihrer Königin alle getötet und auf¬gefressen worden. Die lateralis Kolonie lebt heute noch. Leider lässt die Vitalität nun nach. Aber die Kolonie hat Jahre hindurch geflügelte Geschlechtstiere, Männchen und Weibchen, und viele Arbeiterinnen erzogen, und das erste Formicar musste ich noch durch vier weitere Nester dieses Typs ergänzen, um dem Volk genügend Wohnraum zu geben.

      Sowas ähnliches ist sicher auch schon vielen von uns passiert!

      Und, nebenbei bemerkt, macht er einige Vermutungen die sich später eindeutig als wahr entpuppten:
      Die angeführten Beobachtungen weisen unter anderem auf zwei recht merkwürdige Erscheinungen hin. Dass bei Ameisen einzelne Tiere bestimmte Qualitäten als Führer anderer Ameisen haben, und dass durch sie andere Ameisen zu ganz verschiedenen Tätigkeiten veranlasst werden können, setzt voraus, dass die Ameisen neben dem Erkennen einer Nestgenossin am Nestgeruch noch ein darüber hinaus gehendes Erkennungsvermögen haben, von dem wir uns zunächst noch gar keine Vorstellung machen können.
      Da hat er doch glatt die Unterschiede in den cuticulären Kohlenwasserstoffen vorher gesehen, anhand dessen z.B. Scouts von Nestarbeiterinnen unterschieden werden können.

      Meine Ansicht, dass die Ameise als Einzelwesen kein nur absolut starr durch die Fesseln des Instinktes gebundenes Lebewesen ist,sondern daneben noch ein Raum für die Entfaltung einer gewissen Individualität besteht, und dass diese Individualität gerade bei dem oft recht hohen Lebensalter der einzelnen Ameise von grosser Bedeutung für das Individuum höherer Ordnung (den Ameisenstaat) ist,wurde von mir schon wiederholt in Gesprächen mit Kollegen erwähnt und fand Widerspruch.
      Auch hier hat er Fernsicht bewiesen.

      Den Artikel kann man hier komplett einsehen: : doi.org/10.5169/seals-401366

      Grüße, Phil

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Frank Mattheis ()

    • Danke Phil. Ich finde den letzten Punkt besonders wichtig. Es ist ja so, dass die Arbeiterinnen der Ameisen bei vielen Arten ein für solche kleinen Insekten biblisches Alter erreichen. Neben der großen Flexibilität, die Ameisen zeigen und einer gewissen Lernfähigkeit ist ein langes Leben sicher eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Ameisen.
      Ameisen leben in großen Gemeinschaften, Gesellschaften, das Individuum ist geschützt in dieser Gemeinschaft. Natürlich nicht jedes und nicht ständig, manche Tiere müssen bei der Nahrungsbeschaffung, bei Raubzügen usw. Risiken eingehen.

      Ich werde dazu lieber nicht viel schreiben, aber ich denke, Karl Hölldobler hatte natürlich völlig recht und die Zukunft wird zeigen, dass die mechanistischen, vereinfachenden Ansichten unzureichend sind, die den Insekten wie auch vielen anderen Tieren im Gegensatz zu uns so wundervollen Menschen jedes Gefühl, jeden Anflug von Intelligenz (...ich weiß natürlich, dass der Begriff auslegbar ist.) und Lernfähigkeit mehr oder weniger absprechen.
      Ameisen sind wie alle Lebewesen keine Automaten. Man muss sie nicht vermenschlichen, damit täte man ihnen ohnehin Unrecht, aber man sollte sie als Tiere (...neben uns auf dieser Welt) ernst nehmen und wertschätzen, bewundern und achten. Die Achtung vor ihnen erschwert ganz sicher nicht die Forschung an ihnen.
      Ihre Evolution begann vor vielen Millionen Jahren und sie sind noch immer da.

      LG, Frank.