Die Erdwespe (Vespula vulgaris) im Beobachtungsnest.

    • Die Erdwespe (Vespula vulgaris) im Beobachtungsnest.

      In diesem Jahr hatte ich etwas Zeit und konnte mich im Frühjahr lange genug auf die Suche nach gründenden Wespenköniginnen begeben. Meine Wunschart für die Haltung war die Erdwespe, Vespula vulgaris. Sicher eine unserer häufigsten Wespen, dennoch schwer zu finden im Revier. Die Wespen sind klein, flink und nicht auffällig. Nicht auffällig zumindest jetzt im Frühjahr und Frühsommer, wenn die Königinnen noch allein sind bzw. die jungen Kolonien mit den ersten winzigen Arbeiterinnen noch klein sind.
      Die erste Wespe, die ich fand, war wie immer eine Hornisse (Vespa crabro). Hornissen sind leicht zu finden, die Königinnen sind recht groß, fliegen nicht besonders schnell, man kann sie sogar relativ leicht verfolgen und sie fallen einfach auf. Während meiner Suche, die sich über einige Tage in mehreren Wochen erstreckte, fand ich insgesamt fünf gründende Hornissenköniginnen. Das, ohne sie gezielt zu suchen. Alle Königinnen gründen leider an Stellen, an denen ich ihnen wenig Chancen gebe, mit ihren Kolonien zur Reproduktion ihrer Art beitragen zu können. Ich fand sie leicht, ein Wespenbussard oder Dachs wird sie noch leichter finden. Es ist eigentlich schade. Hornissen stehen unter strengen Schutz und so ist es eigentlich verboten und nicht zulässig, solche gefährdeten jungen Nester resp. Kolonien an sicherere Orte zu verbringen und umzusiedeln. Da Hornissen bei der Nistplatzwahl Opportunisten sind und und mangels geeigneter Baumhöhlen, die einigermaßen sicher sein können dann auch an anderen, scheinbar geeigneten Orten gründen wie Heuhaufen und Strohschobern, die sich dann aber später als leicht plünderbare und daher ungeeignete Nistplätze erweisen, richtet sich hier der strenge Schutz eigentlich gegen sich selbst. Große Teile der Population gehen verloren. Das übrigens auch bei den verschiedenen Hummeln und den auch anderen Faltenwespen, wie den hier beschriebenen Vespula vulgaris. In Strohhaufen und verrottenden Heuhaufen in der Nähe von Bauernhöfen fand ich Nester von Baumhummeln, den verschiedenen Erdhummeln, Wiesen- und Ackerhummeln und anderen Hummeln. Daneben Nester der Vespula germanica und letztlich, zum Glück für mich, von Vespula vulgaris. Außerdem, wie o.e., einige gründende Hornissenköniginnen.
      Einige der wundervollen Zeitgenossen, die sich Landwirte nennen und sich, wie jeder weiß, der hingebungsvollen Pflege und dem selbstlosen Schutz unserer Kulturlandschaften verschrieben haben, bemerkten mein Interesse an ihren gammelnden Heuhaufen und fragten, manchmal durchaus etwas unhöflich, was denn der Anlass meines Interesses sei und was ich hier, auf nicht abgesperrten Gelände zu suchen habe. Ich erteilte Auskunft und bat manchmal darum, den einen oder anderen Heuhaufen doch bitte für diese Saison in Ruhe zu lassen, weil in ihm eine Wespe gründet, die auf der Roten Liste als Bedrohte oder Geschützte Art geführt wird und weil es streng verboten sei und es sogar mit hohen Geldstrafen belegt ist, ihre Nester zu beschädigen usw., aber meist stießen solche Bitten bestenfalls auf Kopfschütteln und Unverständnis, manchmal auf Schlimmeres.

      Die Erdwespe und ihr Nest, worüber hier berichte, fand ich vor knapp zwei Wochen in einen faulenden Strohhaufen an einem Ackerrand. Das Nest war nur knapp unter der Oberfläche, an einer voll besonnten, gen Süden gerichteten Seite. Als ich das Nest entnahm, gab es bereits Puppen in der Anfangswabe. Offenbar hatten die die durchgehend günstigen Temperaturen an dieser sonnenerwärmten Stelle bei der Gründung geholfen. Schon zwei Tage später schlüpften bei mir, nach der Umsetzung des Nestes die ersten jungen, winzigen Arbeiterinnen. Bereits eine Woche später, jetzt flogen bereits die ersten fünf oder sechs Arbeiterinnen und versorgten die junge Kolonie, stellte die Königin ihre Ausflüge ein und verließ das Nest nicht mehr.
      Jetzt sind ein paar Tage vergangen und es wuseln bereits etwa 15 Arbeiterinnen herum. Die Tiere sind ständig unterwegs, ungemein fleißig und aktiv. Sie beginnen nun, das Styropor, welches das Nest umgibt, abzunagen und verwenden es teilweise für den Weiterbau des Nestes.



      Warum Erdwespen? Erdwespen sind sicher hier bei uns in Europa die nächsten Verwandten der ebenfalls bei uns heimischen Deutschen Wespe (Vespula germanica). Vor einigen Jahren konnte ich eine Kolonie dieser Art in einem ähnlichem Beobachtungsnest halten. Mich interessiert, ob die Erdwespe als mindestens genauso entwickelte eusoziale Faltenwespe über ähnliche Kommunikationsmöglichkeiten verfügt wie die Deutsche Wespe. Bei aller Ähnlichkeit unterscheiden sich beide Arten in vielem, sogar auffallend und fundamental. So ist zB. die Auswahl des Nestbaumaterials völlig unterschiedlich.
      Mich interessiert zB. sehr, ob auch die Erdwespen am Nest "trommeln" werden wie es die Deutschen Wespen damals bei mir taten. Das werde ich aber erst erfahren, wenn die Kolonie groß ist. Die Arbeiterinnen meiner damaligen Kolonie der deutschen Wespe taten es zumindest erst, als die Kolonie aus einigen hundert Individuen bestand.

      Ich werde hier ab und zu über meine Wespen berichten. Bilder der Kolonie und des Nestes stelle ich natürlich auch im Forum ein.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Frank Mattheis ()

    • Hey Frank,

      es ist schön, dass unser eusozial seinem Namen so gerecht wird und es auch über unsere Wespen wieder etwas zu lesen und zu bestaunen gibt.

      Wespen zu halten ist ja nun kein alltäglicher Versuch und es wäre interessant, auch ein bisschen etwas über den Standort des Nestes (von außen an der Fensterscheibe?) zu erfahren.

      Schöne Pfingsten, Phillip
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)
    • Hallo Phillip. Danke, dass du dich hier zu Wort meldest. Gute Frage.
      Manchem wird es schaudern, wenn ich jetzt sage, die Wespen stehen bei mir auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer. Jetzt also direkt neben mir...
      So sieht das aus. Nicht sehr aufwendig.



      Aber es ist natürlich sicher, sowohl für mich wie auch für meine Wespen, der Holzkasten ist mit Stahlgewebe umschlagen und ringsum zu. Ein- und ausfliegen können die Wespen durch ein Loch über dem Fensterbrett. Oberhalb des Nestes gibt es eine Fütterungsöffnung, hier träufele ich ab und zu, einmal am Tag, etwas Honig ein, Kerosin für die fleißigen Flieger.
      So eine Nest wird groß und erreicht dann ziemlich "Stoffumsätze". Es kann dann auch selbstverständlich etwas riechen. Erdbewohnende Wespen lösen das Problem in der Natur, indem sie das Nest nach unten wie nach allen Seiten erweitern und das umgebende Erdreich abgraben und dann im Flug in der Umgebung verteilen. Natürlich fächeln sie auch Luft in das Nest und in die Nisthöhle, klimatisieren sie mit Hilfe von Verdunstungskälte des dafür eingetragenen Wassers oder mit Körperwärme. Beim Graben werden natürlich auch unten liegende Abfälle und Kot usw. entfernt. Im Beobachtungskasten kann das aber zum Problem werden, wenn der Nesteingang ungünstig platziert ist.
      Also, wer so etwas machen will, sollte darauf achten, den Nesteingang nach unten zu verlegen. So kann man die Wespen dazu bewegen, Abfälle nicht all zulange liegen zu lassen, sie müssen immer wieder den Weg zum Nest freihalten.

      LG, Frank.
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    • Wie nicht anders zu erwarten war, läuft es bei den Wespen gut. Die fleißigen Tierchen haben die kurze Zeit meiner Abwesenheit gut genutzt und das Nest weiter ausgebaut. Das Völkchen ist gewachsen, es herrscht reger Flugverkehr.
      Immer mehr wird das Styropor verbaut, ein guter Baustoff für diese Art. Hornissen(Vespa crabro), die ebenfalls trockenes, morsches Holz verbauen wie diese Vespula vulgaris, bauten bei mir auch gerne mit Styropor.
      Aktuelle Bilder liefere ich nach...:)

      Sodele, hier noch zwei Bildchen meiner lieben Hausgenossinnen.



      LG, Frank.
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    • Hallo Frank!

      Was so in 16 Tagen alles passieren kann. Das ist ja ein gewaltiger Unterschied zum letzten Bild.
      Hörst du das Summen und Brummen eigentlich im Zimmer? Ich glaube ich hätte hier zwei in meinem Haus die damit nicht zurecht kommen würden ;)

      Gruß
      Mathias
      "Wer an sich denkt, hat Schwierigkeiten. Wer an andere denkt, hat Aufgaben."
      (Lama Ole Nydahl)
    • Ja, das höre ich, Mathias. Sie wedeln ja ständig bei der Hitze und verdunsten eingetragenes Wasser, um das Nest zu kühlen. Und ja, es geht gut voran und es wird noch sehr viel mehr werden. Gerade diese Art hat manchmal sehr große Völker, hier bei mir wird das Nest und damit das künftige Volk aber von der begrenzten Größe des Nistkastens beschränkt.
      Das Summen, Brummen und Knabbern am Styropor ist aber Musik in meinen Ohren...
      Und es hat nichts Beunruhigendes, die Tiere sind sicher "separiert". Man muss sich auch immer daran erinnern, dass Wespen nicht böse sind und stechen wollen. Sie wollen nur ihr Leben führen und ihre Familie ernähren und schützen. Lässt man sie in Ruhe, sind sie weit weniger aggressiv als viele unserer Artgenossen ;) .

      LG, Frank.
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    • Schon wieder ist eine Woche vergangen und das Summen und Brummen nimmt zu. Das Nest wird größer, es wird im Moment horizontal erweitert. Auf dem Bild ist zu erkennen, dass die Arbeiterinnen das Nest nach rechts ausgebaut haben.
      Es werden immer mehr Wespen. Und doch, bei den Kurzkopfwespen ist das Koloniewachstum in der Anfangsphase relativ langsam. (Trotzdem natürlich rasant, verglichen mit den meisten Ameisen-Arten.)

      Langkopfwespen sind in dieser Phase schneller, möglicherweise entwickelt sich bei ihnen der Nachwuchs schneller. Ihre Arbeiterinnen fliegen oft früher im Jahr. Allerdings besitzen alle unsere Langkopfwespen einen sehr kurzen Jahreszyklus, D. media zB. beendet ihn manchmal schon im Juli, spätestens im August. Dann fliegen die Jungköniginnen ab, werden begattet und vergraben sich irgendwo in einem Winterquartier. Ich fand schon junge media-Königinnen im August zufällig im Erdreich unter Steinen oder Moos, bei der Suche nach Ameisen o.ä.. Sie hatten schon zu diesem Zeitpunkt ein Winterquartier bezogen. Eine ungeheure Leistung der kleinen Tiere. Die Königinnen müssen hier dann gute acht Monate verbringen, bis sie im Frühjahr mit dem Bau eines neuen Nestes beginnen können. Und das im Spätsommer bei manchmal noch hohen Temperaturen.
      Andere Langkopfwespen wie Dolichovespula saxonica oder D. norvegica betreiben ihre Kolonien meist bis in den September, also etwas länger. Interessant fand ich bei diesen Arten immer, dass die jungen Königinnen nicht einfach abfliegen, sondern die Arbeiterinnen der eigenen Kolonie, die jetzt bereits weniger werden, wahrscheinlich einige Tage unterstützen. Junge Königinnen fliegen meist nicht einfach schnurstracks ab, wie bei den Kurzkopfwespen, sondern machen einen Orientierungsflug und kehren für einige Tage zum Mutternest zurück. Möglicherweise, ich vermute das, unterstützen sie die Kolonie und schaffen Kohlehydrate heran.

      Die hochentwickelten Kurzkopfwespen (Vespula) verzichten auf diesen u.U. gefährlichen Luxus. Sie brauchen viele Arbeiterinnen mehr, mehr wie die Langkopfwespen, um ihre Königinnen und Männchen aufzuziehen. Es steckt viel mehr Aufwand und Investition in den einzelnen jungen Königinnen. Diese fliegen also ab, kopulieren irgendwo an besonnten Bäumen mit den Männchen und suchen dann geeignete Winterquartiere. Das geschieht im späten September oder im Oktober bei diesen Arten, manchmal noch im November.

      Die Kolonien der Kurzkopfwespen leben länger, sind größer. In ihren Erdnestern überleben die Kolonien oft die ersten Fröste. Weil die Wespen aber nicht wie Bienen Kohlehydrat-Reserven anlegen können, verhungern die Völker bei anhaltender Kälte. Alle Energie wird verbraucht, um das Nest und den Rest des Volkes zu wärmen, nach einiger Zeit sind die geringen Reserven, die sich in den Kröpfen der Tiere befinden, verbraucht. Dann verhungert und erfriert die Kolonie. Bei Erdnestern kommt dann noch Sauerstoffmangel hinzu, den Arbeiterinnen gelingt es nicht mehr, ausreichend frische Luft in das Erdnest zu fächeln, so kommt es vor, dass große Teile des restlichen Volkes langsam und klamm zum Nesteingang krabbeln. Ein deprimierender Anblick, die einst wendigen und cleveren Tierchen dann so sterben sehen zu müssen.

      Aber das gehört halt hier in unseren gemäßigten Breiten dazu. Die Arten sind hier zu Hause und an unser Klima angepasst. Wenn das Volk so stirbt im späten Herbst, hat es ein großes Jahr hinter sich. Es hat Unmengen von Insekten etc. vertilgt, hat sich behauptet gegen Widersacher, Fressfeinde und Parasiten und hat sich letztlich erfolgreich daran beteiligt, die eigene Art zu erhalten.

      Bei meiner kleinen Rasselbande ist es noch nicht an der Zeit, sich düsteren Untergangsgedanken hinzugeben. Die Tiere sind voller Energie und hochmotiviert, die Kolonie ist jung und wird stärker.

      Das Nest ist gewachsen:



      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Sehr beeindruckend, Frank! Gibt es eigentlich gar keine Probleme mit euren Nachbarn? Ich meine es ist ja nicht jeder so "sozial" gegenüber unseren kleinen Freunden eingestellt, ich bin mir sicher, dass es hier bei mir irgendwann auffallen und sich jemand beschweren würde.

      Viele Grüße, Phillip
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)
    • Das ist kein Problem, Phillip. Du kennst mein Zuhause und weißt ja, wie ich wohne. Und diese Wespen sind schließlich auch Kulturfolger und meiden nicht die Nähe menschlicher Behausungen, wissen sogar Vorteile daraus zu ziehen.
      Und sowieso... Wenn hier jemand ein Problem zu haben meint mit diesen Wespen, hätte er bald ein echtes Problem. Mit mir. Sie sind hier bei mir strengstens geschützt :recht: .
      Wäre eh unsinnig. Wespen sind im Sommer nun einmal allgegenwärtig in unseren Siedlungen. Sie sind Nützlinge. Manchmal können sie auch lästig sein, besonders im Hochsommer. Sie werden aber nur lästig, weil sie eben sehr tüchtig sind. Sie haben im Hochsommer, wenn die Kolonie groß ist und viel Nachkommenschaft aufzieht, ungeheuren Nahrungsbeschaffungsstress. Dann kommt es eben vor, dass sie versuchen, jede mögliche Nahrungsquelle, zB. auch reich gedeckte Kuchentische, zu erschließen.
      Das machen hier bei uns aber nicht alle Wespen, diese Erdwespen und die Deutsche Wespe jedoch schon manchmal.
      Was soll's. Dies ist auch ihr Land. Und sie waren früher hier als wir Menschen.

      LG, Frank.

      EDIT: Ein anderer Bericht zur Umsiedlung und Beobachtung einer schönen sozialen Faltenwespe, Dolichovespula media, deutscher Trivialname, die Kleine Hornisse.
      Wer es noch nicht entdeckt, der sollte hier mal lesen: ameisenportal.eu/viewtopic.php?f=30&t=1619&p=14438#p14438 Toller Bericht...

      Freut mich sehr für dich und für die Wespen, dass es so gut läuft, Reber!
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Frank Mattheis ()

    • Moin Frank,

      wirklich toller Bericht von dir. Spannend zu lesen, macht Spaß! Ab welchem Zeitpunkt im Frühjahr bzw. welchen Bedingungen (Temperatur, Wetter) schaust du denn nach Königinnen? Vermutlich so früh wie möglich, da die Zeit des Jahres von den Wespen genutzt werden sollte, oder? Deine Vorgehensweise hast du ja bereits beschrieben, „no stone left unturned“ ist sozusagen der wahrscheinlichere Weg zum Erfolg.

      Deine Schlußerläuterungen zur begrenzten Zeit einer Kolonie finde ich sehr realistisch. Folgendes hast du schön formuliert und so fällt die Gesamtbewertung des Kolonielebens doch sehr positiv aus.

      Frank Mattheis schrieb:

      Wenn das Volk so stirbt im späten Herbst, hat es ein großes Jahr hinter sich. Es hat Unmengen von Insekten etc. vertilgt, hat sich behauptet gegen Widersacher, Fressfeinde und Parasiten und hat sich letztlich erfolgreich daran beteiligt, die eigene Art zu erhalten.
      Bin schon sehr auf den weiteren Verlauf gespannt!

      Gruß, Olaf
      „It's a white whale, I say,“ resumed Ahab, as he threw down the top-maul; „a white whale. Skin your eyes for him, men; look sharp for white water; if ye see but a bubble, sing out!“ Moby Dick, Herman Melville
    • Hallo Frank, lass dir gesagt sein: Über diesen Haltungsbericht freue ich mich riesig! Wespen im Beobachtungsnest zu halten, fasziniert mich seit Kindertagen. Aber so gut habe ich es nie hingekriegt. Du hast das mit der Nesteinsicht und der Nestumgebung prima gelöst. Schon die Bilder aus dem Nest dieser sonst im Verborgenen agierenden Insekten faszinieren, wie muss das erst live sein ;)

      Mit den Berichten von Mathias und Boro scheint ein es ein echtes Wespenjahr in den Foren zu werden. Super!
    • Danke, Reber. Das mit der Nesteinsicht geht halt bei diesen Wespen, auch bei Hornissen. Bei Langkopfwespen ist es schwierig, besonders bei solchen Freinistern wie deinen Dolichovespula media. Die wollen einfach immer eine komplette Hülle bauen.
      Bei den Kurzkopfwespen und den einheimischen Hornissen ist es daher einfacher mit der Nesteinsicht. Denen geht es eigentlich nur darum, den Wärmehaushalt des Nestes gut zu regulieren. Dabei verzichten sie eben auch schon mal auf die Nesthülle, wenn es geht und die Wärme des Nestes nicht verloren geht. Sie sind Höhlennister, die Nesthülle dient bei ihnen weniger zum Schutz des Nestes, vielmehr eben zur Wärmeregulation. Daher bauen sie auch nicht so feste, fast kartonartige Nesthüllen wie die Langkopfwespen, bei denen die Hülle ja auch dem Schutz dient. Und sie sind sehr viel kreativer, bauen Lufttaschen, Brücken und komplizierte Strukturen, um darin die Luft zu halten, die als schlechter Wärmeleiter eine gute Isolierung ist.
      Im Beobachtungsnest heißt das Zauberwort Styropor. Es dämmt hervorragend und dient dabei noch als Baustoff.
      Damit die Wespen aber ihr Nest offen einsehbar an die Glasscheibe bauen, habe ich auch diese mit einer Styroporplatte abgedeckt, die ich nur zur Einsicht wegnehme. So ist auch die Glasscheibe immer warm von der Eigenwärme des sich dahinter befindenden Nestes und die Wespen bauen ihr Nest so bis an die Glasscheibe, einsehbar für den Beobachter. Würde ich nicht so abdecken, würden die Wespen mir die Einsicht nicht "genehmigen" und die Scheibe zubauen.

      Die Lösung, die du verwandt hast, um das Nest der Dolichovespula media zu fixieren, finde ich sehr elegant. Werde ich mir merken, wenn ich mal mit Wespen dieser Gruppe etwas mache.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Olaf, entschuldige, ich hatte vergessen, auf deine Frage einzugehen.
      Ich schaue eigentlich immer nach solchen Tieren. Suche ich eine Königin im Frühjahr, um sie später umzusetzen, dann eigentlich auch schon ab dem Zeitpunkt, ab dem diese fliegen und mit dem Nestbau beginnen. Aber zu früh würde ich sie nie ausgraben und versuchen, umzusetzen, das Nest sollte schon eine gewisse Größe haben. Manchmal schien es mir, als ob mit der Größe und dem damit verbundenen Aufwand und Einsatz, den die Königin schon investiert hatte, die Bindung der Königin an ihr Nest zunimmt. Ganz junge Nester werden schneller aufgegeben und verlassen als Nester, in denen schon Larven oder gar Arbeiterinnenpuppen vorhanden sind.
      Auch lassen sich größere, solidere Nester leichter umsetzen. Sie werden tatsächlich etwas fester, die Wabe erhält immer mehr Steifigkeit mit zunehmenden Alter. Sie wird ja immer wieder bespeichelt auf der Oberseite und wird so immer fester und stabiler. Relativ stabil natürlich nur. Und natürlich lässt sich eine etwas größere Wabe und Nesthülle etwas leichter umsetzen, transportieren, am neuen Standort einbauen usw..

      Eine Aufnahme von heute.



      Die Königin ruht sich an der Peripherie des Nestes aus und scheint zu schlafen. Unter ihr eine junge, unausgefärbte Arbeiterin und sich gegenseitig fütternde Arbeiterinnen. Die jungen, letztgeschlüpften Arbeiterinnen werden nun etwas größer. Mehr Arbeiterinnen bringen mehr Nahrung heran. Der Wohlstand wächst, wenn man fleißig ist :thumbup: .

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Moin Frank,

      keine Ursache. Danke für deine wertvollen Hinweise, die sind sehr hilfreich! Ich werde im nächsten Frühjahr neben der Suche nach Ameisen auch nach Wespen und Hornissen schauen. Übrigens ist dies ein tolles Bild und man sieht gut, wie die Wespen an ihrem Nest weiter bauen. Sie scheinen doch recht schnell voran zu kommen, oder? Bei dem Lesen deines Berichtes möchte man immer mehr mit diesen Tieren zu tun haben!

      Gruß, Olaf
      „It's a white whale, I say,“ resumed Ahab, as he threw down the top-maul; „a white whale. Skin your eyes for him, men; look sharp for white water; if ye see but a bubble, sing out!“ Moby Dick, Herman Melville
    • Sie kommen gut voran. Es geht ihnen auch gut, das Revier scheint von allem genug zu bieten. Und auf der anderen Hausseite steht eine Honigtränke exklusiv bereit, die einige eingeweihte Arbeiterinnen der Kolonie kennen.

      Hier ein Bild von heute morgen. Der Eingang des Nestes, von innen fotografiert.



      Eine Wächterin, die den Zugang überwacht und Heimkehrerinnen auf ihre Koloniezugehörigkeit überprüft. Unscharf eine rückkehrende Jägerin mit Beute in den Kiefern und eine Frischluft fächelnde Arbeiterin rechts.

      Wespen sind einfach hochinteressante Tiere mit unglaublichen Möglichkeiten und Leistungen. Diese hier sind hocheusozial und haben nur eines im Sinn, das Wohl der Kolonie und der Schwestern. Nestbau, Sozialleben und Jagd- und Sammelverhalten der Tiere sind weitere interessante Aspekte. Es ist einfach erstaunlich, zu welchen Sinnesleistungen diese sozialen Insekten fähig sind. Und fliegende Insekten, die im dreidimensionalen Raum navigieren, leisten dabei sicher noch etwas mehr als die meisten unserer Ameisen auf dem Gebiet der Orientierung.

      Und sie fliegen ja nicht einfach nur so herum, wie ein Schmetterling oder eine Fliege. Sie erledigen die verschiedensten Besorgungen, jagen in Revieren, die sie als ergiebig erkannt haben, weil sie hier schon Erfolg hatten, sie sammeln Baumaterial an ebenfalls selbst gefundenen, damit erlernten Plätzen, sammeln Nektar an Blüten oder an Blattlauskolonien, die sie erst kennen lernen mussten und ausprobieren mussten. Manchmal lernen sie freilich, dass es leichter ist, beim Bäcker um die Ecke an Kohlehydrate zu kommen. Dass es auch riskanter ist, erlernen dabei aber nur die wenigsten.
      In den ersten Tagen ihres Lebens als Wespe erlernen sie den Standort ihres Nestes und die Umgebung desselben.
      Wespen lernen, wie wir, ein Leben lang.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Fantastische Einblicke. Das vorhandensein einer Wächterin, teils sogar mehr, konnte ich im übrigen auch bei meinem Erdhummelnest beobachten. Sogar eine Milbe wurde attackiert.
      Damit stellt sich die Frage warum dennoch so viele Kolonien den Wachsmotten erliegen. Es wäre interessant ob hier die Wespen erfolgreicher in der Verteidigung wären.
    • Ich denke schon, dass Wespen etwas erfolgreicher sind bei der Abwehr von Wachsmotten. Wespen sind einfach konsequenter und aggressiver. Ist ein Volk aber geschwächt, kann auch ein Wespennest den Wachsmotten zum Opfer fallen. Wachsmotten fand ich bei der Sächsischen Wespe einige Male.
      Auch ein junges, noch schwaches Hornissenvolk wurde bei mir mal von den Wachsmotten befallen. Ich musste das kleine Nest entfernen und untersuchen, alle Wachsmottenlarven entfernen. Am Ende blieb ein kleiner Teil der Anfangswabe zurück und die Hornissen. Ich denke, Wachsmotten haben bei solchen Wespen dann eine Chance, wenn die Nistbedingungen atypisch sind und die Falter leichten und unbemerkten Zugang zum Nest finden. Bei meinen Hornissen war das kleine Nest zu frei im Kasten, es gelang den Hornissen wohl nicht, das Nest ausreichend zu überwachen.

      Hummelvölker habe ich leider auch schon an Wachsmotten verloren. Bei ihnen werden die Biester richtig groß und wehrhaft. Ihre Gespinste, mit denen sie Bezirke des Nestes gegen die Eigentümer sperren und die sie dann besetzen, sind fest und für die Hummeln kaum zu überwinden. Leider sind Hummeln auch zu inkonsequent bei der Abwehr solcher Wachsmottenlarven. Sie könnten es durchaus mit ihren kräftigen Mandibeln und ihrem Wehrstachel. Aber Hummeln sind keine Kämpfer und leider etwas ungeschickt in diesen Dingen. Deswegen und weil sie in anderen Dingen wieder sehr geschickt und lernfähig sind wie bei dem Wegdrücken und Drunterdurchschlüpfen bei leichten Hindernisse am Nesteingang ist bei ihnen in der Haltung diese Wachsmottenklappe am Nesteingang eine geniale Idee.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Heute mal eine Totalaufnahme vom Nistkasten. Man sieht, dass es noch etwas Platz hat für einen weiteren Zuwachs.
      Der komplette Kasten ist mit Styropor gefüllt, wie bereits erwähnt. Das hat verschiedene Vorteile. Eine gute Wärmedammung, ständiges Vorhandensein eines geeigneten Baumaterials für die Wespen, gute Verarbeitbarkeit bei der Einrichtung des Kastens. Außerdem wächst das Volk nicht allzu schnell. Denn das Material muss weg genagt und entsorgt werden. Vermutlich werden die Wespen so sogar ihre Brutzellen öfter nutzen, als das sonst getan wird. Das Nest wäre bereits größer, wenn das umliegende Material leichte abbaubar wäre.
      Die Brutzellen werden im Normalfall wohl zwei bis dreimal bestiftet und genutzt, dann werden sie auf Grund der Kokonreste an den Zellenwandungen zu klein.
      Auch wenn es für die Wespen jede Menge Arbeit ist, sie werden am Ende der Saison den Kasten komplett ausgeräumt haben. Wenn alles gut geht und die Königin gesund bleibt.
      Das sieht im Moment aber sehr gut aus. Man kann sie oben im Bild auf ihrem üblichen Ruheplatz sehen.



      Es ist schon ein gutes Gewusel im Kasten. Etliche Arbeiterinnen flitzen durch den Nestzugang. Vor meinem Fenster herrscht reger Flugbetrieb.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Mit wachsender Zahl an Individuen wird auch das Nest immer schneller vergrößert und ausgebaut. Es ist ein ständiges Nagen und Bauen am umgebenden Styropor. Einiges von dem zerkleinerten Material wird von den Arbeiterinnen am Nest verbaut; der Großteil wird von den Wespen klein geschreddert in die Umgebung entsorgt.

      Ein Wespennest aus Styropor... Um einiges gewachsen in der letzten Woche.


      Die Tiere sind wahre Künstler und folgen gemeinsam ihrem Bauplan. Das Styropor, gut geeignet für den Nestbau, ist die einzige Unterstützung, die ihnen dabei von meiner Seite widerfährt. Alles andere, was sie für den Nestbau brauchen und für den Unterhalt der Kolonie, besorgen sich die Tiere selbst im Freiland. Natürlich Wasser, das ist kein Kunststück, wir leben hier am Rhein, ebenso Proteine und Kohlehydrate (...das Füttern auf dem Balkon habe ich erst mal beendet, zu viele Wespen, sicher auch anderer Kolonien, hatten die Futterstelle ausfindig gemacht. Es wurde daher zuweilen etwas ungemütlich auf dem Balkon.)

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Absolut faszinierend, Frank! Bauen sie das Nest wirklich komplett aus Styropor oder bauen sie teilweise auch zerkautes Hols von anderswo mit ein? Bei uns am Holzschuppen sind oft Wespen am Nagen, obwohl sich dort kein Nest befindet - das Geräusch hört man meterweit.
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)