Liometopum microcephalum

    • Liometopum microcephalum

      Liometopum microcephalum

      Diese Ameise begegnete mir zum erstem Male in den frühen Neunzigern in Ungarn an der Donau. Ich war sofort fasziniert und verzaubert, derart volkreiche und dominante Ameisenkolonien, dabei sichtbar an der Oberfläche agierend und sehr geschlossen und massiv auftretend, sind selten in Europa. Ich kenne hier eigentlich nur eine Art, deren Verhalten und deren Wehrhaftigkeit mit der der hier genannten Liometopum vergleichbar ist und dem zumindest nahe kommt. Das ist Lasius fuliginosus. Und doch scheinen die Kolonien der Liometopum oft noch viel größer zu sein. Im Vergleich, und ich hatte in Ungarn die Gelegenheit, beide Arten direkt zu vergleichen, laufen bei den Liometopum sehr viel mehr Arbeiterinnen auf den Straßen der Kolonie. Hier in Ungarn kommen beide Arten nebeneinander vor, manchmal auf benachbarten Bäumen oder Baumgruppen. Dabei sind die Bäume, besonders die Stämme über und über voller Ameisen. Auseinandersetzungen sah ich nie zwischen beiden Arten, es ist aber anzunehmen, dass fuliginosus im Vergleich die konkurrenzstärkere Art ist. Fulginosus war hier häufiger und manche Liometopum-Kolonien schienen unter solcher Nachbarschaft zu leiden, waren dann kleiner und schwächer als gewöhnlich. Möglicherweise sind die Formicinen den Dolichoderinen waffentechnisch überlegen, das Dendrolasin ist der Hauptgrund für die Stärke und Dominanz der fuliginosus in allen ihren Verbreitungsgebieten. Auch die Liometopum verfügen über starke chemische Kampfmittel, wenn man das so sagen kann. Es riecht einigermaßen stechend nach Harzen, fast nach Terpentin, wenn die Tiere zubeißen. Mit ihren ungeheuren Mengen an Arbeiterinnen und deren entschlossenen Einsatz sind die Liometopum die dominante Ameisenart in den Biotopen, in denen sie lebt, neben Lasius fuliginosus. Vielleicht hängt der Rückgang der Liometopum in vielen Gebieten mit dem verstärkten Auftreten von fuliginosus zusammen, beide Arten konkurrieren um die gleichen Ressourcen und Nischen. Es wäre interessant, zu wissen, ob die fuliginosus-Populationen im südöstlichen Mitteleuropa in den letzten Jahren zugenommen haben...

      Liometopum microcephalum ist eine baumbewohnende Ameise, die nach meinen bisherigen Beobachtungen ausschließlich im Totholz noch lebender Bäume nistet. Ich fand sie bisher nur auf und in Laubbäumen, meist Eichen, aber auch an Weiden, Pappeln, Kastanien und weiteren Laubbaumarten. Die Kolonien sind fast immer riesig und beschränken ihr Kolonieterritorium dann nicht nur auf den Nistbaum, sondern auch auf weit entfernt stehende Bäume. In Ungarn fanden wir stark belaufene Straßen der Ameisen, die vom Nistbaum manchmal über fünfzig Meter in armdicken Kolonnen zum nächsten ergiebigen Futterbaum führten. An den Bäumen werden Rindenläuse in großen Mengen gepflegt. Es ist anzunehmen, dass die Arten in enger Symbiose leben und die Pflanzensauger in den Kolonien überwintern.



      Arbeiterinnen und Rindenläuse in einer Nische der Baumrinde.

      Möglicherweise werden Rindenläuse und andere Pflanzensauger auch in den Nestern, am lebenden Holz angesetzt, das ist denkbar und für mich naheliegend. Blattlauskolonien werden ebenfalls besucht, sowohl auf Pflanzen wie Disteln im Umfeld der Nistbäume wie auch im Laub der Bäume. Diese Blattlauskolonien scheinen jedoch keine so zuverlässige und andauernde Nahrungsquelle zu sein und ob es hier so enge Beziehungen zwischen den Ameisen und den Pflanzensaugern gibt, bezweifle ich. Ausserdem scheint Liometopum stark regulierend auf die Ameisenfauna einzuwirken, im Umfeld der Nistbäume gab es kaum andere Ameisenkolonien. Wie von fuliginosus auch werden wohl die Kolonien anderer Arten geplündert, vielleicht sogar im stärkeren Ausmaß. (In der Haltung zeigen meine Liometopum sehr großes Interesse an Puppen oder Larven anderer Ameisenarten, sie werden sofort eingetragen, währende andere Futterinsekten wie frischtote Fliegen oder Mehlwürmer kaum genommen werden oder gar nach wütenden Angriffen verschmäht werden.)

      Die Nester der Art sind eigentlich immer unerreichbar. Zumindest fand ich in mehr als fünfundzwanzig Jahren keine Kolonie, deren Nest ich wenigstens teilweise öffnen konnte. Das mag natürlich für Menschen, die in Gebieten leben, in denen die Ameise vorkommt, anders sein, jedoch fand ich weder in der Türkei, in Tschechien oder hier in Ungarn jemals in der kurzen Zeit, die mir als Besucher in den Ländern zum Beobachten verblieb, eine solche Kolonie. Ich will also nicht ausschließen, dass es solche Nester in morschem Holz gibt oder sogar in Bereichen des den Baum umgebenden Erdreichs. Ich jedoch fand bisher nur Nester in festem Totholz der Baumstämme, dazu waren die Nester oft in unerreichbarer Höhe in den Baumstämmen. Das Erdreich scheinen diese Ameisen zu meiden, nie sah ich, dass Arbeiterinnen in Erdeingängen oder Erdhöhlen verschwanden.
      Es wäre aber ohnehin kein besonderes Vergnügen, ein solches Nest zu verletzen bzw. zu versuchen, es zu öffnen. Die Kolonien sind einfach ungeheuer volkreich, die Ameisen extrem aggressiv und unangenehm beißend. Sei's drum. Natürlich hätte ich in der Situation, in der ich mich jetzt befinde und auf die ich später hier eingehe, natürlich keinen Versuch unterlassen, eventuell an Brut und an junge Nestarbeiterinnen der Art zu kommen.

      Warum ist diese Art so interessant? Es scheint so, als ob recht wenig über diese Art bekannt ist. Eigentlich verwunderlich, denn die Ameise ist eine auffallende und dominierende Art in den Lebensräumen, in denen sie vorkommt. Es gibt zwar wenige andere Ameisenarten, die Liometopum in die Schranken weisen, hier in Ungarn war am Balaton neben Liometopum in den Lebensräumen, die die Art bevorzugt, wie o.e. oft Lasius fuliginosus anzutreffen und es schien so, also ob Lasius fuliginosus tatsächlich die Art zu verdrängen verstand. Neben Lasius fuliginosus soll es die Diebsameise sein, die Liometopum zusetzt. Diebsameisen sah ich in Ungarn nicht, ich habe auch nicht nach ihnen gesucht (es gibt sie natürlich dort ganz sicher), und es scheint mir auch fraglich zu sein, wie die erdbewohnenden Diebsameisen, die hier ganz sicher Formica, Lasius und andere Ameisen parasitieren, ausgerechnet in etliche Meter hohe Bäume wandern sollten, um hier die volkreichen und agrrressiven Liometopum-Kolonien anzugreifen. Wer weiß, dass die Diebsameisen unterirdisch leben und aus winzigen Erdgängen in die Erdnester der parasitierten Wirtsnester eindringen, dem stellen sich ohnehin Frage, wie das im festem Holz in mehreren Metern Höhe möglich sein sollte. Hier dürften die Liometopum eindeutig im Vorteil sein. Zumal die Art stark polymorph ist und es neben größeren viele winzige, nicht minder aggressive Arbeiterinnen gibt. Ein wichtiger Vorteil der Diebsameisen, ihre Kleinheit, schwindet damit stark.

      Der Fang.

      Aber egal. Wir hatten uns bereits damit abgefunden, dass unser Aufenthalt in Ungarn ein insgesamt schöner sein sollte und dass es ansonsten so wie immer sein sollte. Einige Beobachtungen an diesen verhexten Liometopum, etwas Staunen, ein Ah hier, ein Oh dort, und und letztlich wiedermal ein weiteres Verschieben auf ein nächstes Jahr. Die Hoffnung war natürlich, wie auch bei den letzten Aufenthalten in der Türkei, mal eine Jungkönigin der Art zu erwischen. Wobei es alles andere als klar war, ob das überhaupt möglich ist. Es kursieren jede Menge unterschiedlicher Theorien zum Hochzeitsflug, zur Koloniegründung, so dass eigentlich schon das Finden einer Jungkönigin eine Überraschung ist. Natürlich weiß ich, dass es bereits Funde gab, aber was sagt das schon? Ausnahmen gibt es immer und ich war schon einige Male zur vermeintlichen Schwärmzeit vor Ort, ohne etwas zu finden. Bei der Größe und der wahrscheinlichen Produktivität der Kolonien und bei ihrer Häufigkeit mancherorts macht das nachdenklich.

      An dieser Stelle einen Gruß an meinem Freund Boro und seinem Sohn Roman. Ich freue mich sehr, dass Ihr auch so ein Tier gefunden habt und ich hoffe sehr, dass die Koloniegründung klappt.
      Mit Volker stand ich zuletzt vor meiner Reise nach Ungarn noch im Email-Austausch zu dieser Art. Es ist ein toller Erfolg, dass diese eigentlich seltene und wenig bekannte Ameise nun in den Händen verschiedener Halter und Freizeitforscher gründet.

      Wir fanden unsere junge Königin am frühen Abend unseres letzten Tages. Jan sah sie, sie krabbelte über die Heckscheibe meines Autos, dass direkt neben unseren Bungalow stand. Jan sagte: "Guck mal, eine Ameisenkönigin..." Ich sprang auf, wie von der Tarantel gestochen, weil ich sofort erkannte, DAS konnte eine sein. ich hatte junge, jedoch geflügelte Königinnen der Art schon gesehen, vor vielen Jahren, abflugbereit an Nistbäumen an der Donau. Mit zittrigen Händen, nervös und voller Angst, das kleine Tier zu verletzen, umfing ich das kleine Tier auf der Heckscheibe mit den Händen und schrie Jan an, hole eine TicTac-Dose. Der arme Kerl erkannte, wie sensationell sein Fund war und rannte in den Bungalow. Fand dort aber nichts, wir hatten schon gepackt. Da fiel mir ein, ich hatte eine in der Hosentasche (hab ich immer..;), wenn ich auf Reisen bin), ich bat ihn, die heraus zu holen, wir konnten nun das Tier festsetzen.
      Was für ein großes Glück!
      An diesem Abend gab es noch ein paar gute ungarische Biere, es war ein Grund zum Feiern. Wir rätselten, was die Ameise wohl auf dem Auto zu suchen hatte. Schließlich kamen wir drauf, es war unbedingt eine Ameise mit ästhetischem Empfinden, denn es ist ein sehr schönes Auto. Endlich mal eine Ameise, die zu uns passt und unser Empfinden auch dahingehend teilt.

      Wir hatten unsere Unterkunft bereits bezahlt und mussten am nächsten Tag abreisen. Trotzdem nutzten wir noch den Morgen des Abreisetages, um einer Kolonie einen Besuch abzustatten, die wir kannten und bei der wir wussten, dass wir ohne Probleme zulangen konnten. Hier fingen wir noch etwa eintausend Arbeiterinnen, die wir mit nach Hause nahmen.
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    • Gründungsversuch.

      Zur Königin setzte ich anfangs, noch in Ungarn, vor der Abreise, nur drei kleine Minore. Das klappte nur zum Teil, einen der Minore hat die Königin sofort getötet, zwei aber durften sich ihr anschließen.
      Wenn man nur eine Königin hat und außerdem vor Ort keine weiteren Experimente und Freilandbeobachtungen oder gar Fänge machen kann, kann man keine allgemeinverbindlichen Theorien aufstellen. Man kann aber das, was man hat, beobachten und Rückschlüsse ziehen, über das Beobachtete nachdenken.
      Ich hatte nun diese Königin und einiges an Arbeiterinnen. Wichtigstes Ziel war es und ist es, die Königin zu schützen und nichts zu riskieren, was ihr schaden könnte. Trotzdem war ich anfangs unvorsichtig, als es doch so gut aussah und erste, weitere zugesetzte kleine Arbeiterinnengruppen aus Minoren sich ihr gegenüber friedlich und eigentlich gleichgültig verhielten. Nachdem ich anfangs etwa 30 bis 40 Arbeiterinnen in mehreren kleinen Schüben zugesetzt hatte und mir kaum noch Sorgen machte, geschah das Schlimmste. Aus dem relativ neutralen und fast gleichgültigen Verhalten der Arbeiterinnen heraus wurden einige wenige der Arbeiterinnen etwas aggressiver. Sie drohten der Königin, zerrten etwas an ihr herum. Das machte mir noch keine Sorgen. Plötzlich aber hatten sich zwei Arbeiterinnen an ihr verbissen und hingen an ihren Beinen, dicht am Körper. Jetzt bekam ich Panik. Ich nahm die Königin heraus und versuchte, die Arbeiterinnen zu entfernen. Mit dem Resultat, dass alles schlimmer wurde. Sie wurden nun richtig wütend. Typisch für die Art, würden sie nie wieder loslassen. Sie waren fest verbissen, gekrümmt und die Königin bewegte sich panisch, lag sogar auf dem Rücken und strampelt hilflos. Alles ist verloren, dachte ich. Mit Mühe und äußerst vorsichtig tötete ich die Arbeiterinnen mit der Pinzette. Trotzdem, ihre Köpfe und Teile ihrer Körper blieben an der Königin hängen, die noch immer panisch war, offenbar hatten Mandibulargift der Arbeiterinnen und Schmerzen ihre Wirkung, wahrscheinlich "wusste" die Königin, dass es ihr an den Kragen ging und es ernst war. Ich war deprimiert und rechnete damit, sie verloren zu haben. Ich setzte sie wieder nur mit drei Arbeiterinnen zusammen und ließ sie für einen Tag in Ruhe.
      Am nächsten Tag schaute ich nach, auf das Schlimmste gefasst und eigentlich sicher, dass das Experiment vorbei war. Aber, alles gut, die Königin saß wie neu geboren mit den drei Arbeiterinnen im Reagenzglas, offenbar unverletzt und völlig frei von den Resten der Arbeiterinnen, die sie Tags zuvor attackiert hatten. Sie hatte sich davon befreit, vielleicht mit Unterstützung der drei Arbeiterinnen, die bei ihr waren und die sich um sie kümmerten.
      Nach diesem Rückschlag änderte sich die Situation. Es gab nie wieder Angriffe auf die Königin. Schon nach wenigen Tagen begann ich wieder, Arbeiterinnen dazu zu setzen, wieder erst vor allem Minore, später auch größere Arbeiterinnen. Nach einer Woche etwa wahllos jede Arbeiterin, die mir in den talkumierten Behälter fiel, den ich im Terrarium, in dem die Arbeiterinnen lebten, zum Separieren und Einfangen von Arbeitergruppen aufgestellt hatte. Die Arbeiterinnen waren jetzt etwa zehn Tage von ihrer alten, eigenen Kolonie getrennt. Vielleicht, oder besser, wahrscheinlich wurden sie langsam duldsamer, "vergaßen" die eigene Königin bzw. Königinnen, sie waren ja nun schon einige Zeit nicht mehr unter ihrem pheromonellen Einfluss. Alle Arbeiterinnen schlossen sich nun nach und nach, so wie ich sie zusetzte, der Königin an und der Kolonie, die sich bereits um sie gebildet hatte, aus ihr und den vorher zugesetzten Arbeiterinnen.
      Wie gesagt, man kann anhand der Beobachtungen, die man an einem Tier, an einer Königin unter relativ optimalen Haltungsbedingungen macht, keine allgemeingültige Theorie aufstellen, die die Gründungsbiologie der Art klärt. Ich glaube aber, dass einige Thesen ausscheiden. Ich glaube nicht daran, dass fremde junge Königinnen von den Kolonien adoptiert werden oder dass sich Arbeiterinnengruppen im Freiland unter normalen Bedingungen einer fremden Königin anschließen. Die Arbeiterinnen sind einfach immer äußerst temperamentvoll und aggressiv gegenüber allem Fremden. Alles und jedes wird atackiert und angegriffen. Zudem verlassen Arbeiterinnen nie das Einflussgebiet der Kolonie, man bewegt sich nur in Gruppen im Territorium der Kolonie. Zwar wird das manchmal sicher erweitert, aber immer in Gruppen und mit festen Straßen, im Austausch und im ständigen Kontakt mit der Kolonie. Das heißt für mich, alle Arbeiterinnen stehen ständig unter dem Einfluss der Kolonie und der Königin bzw. Königinnen. Fremde Tiere sind immer Eindringlinge, werden getötet und/oder als Nahrung verwertet. Vorstellbar ist für mich, dass Königinnen am Nistbaum der eigenen Kolonie von zufliegenden Männchen begattet werden und dann zurückkehren in die eigene Kolonie.
      Andererseits scheint es so zu sein, dass neuere Untersuchungen Hinweise geben, dass Tiere in den Kolonien zusammen leben, die miteinander genetisch nicht verwandt sind. Die Jungköniginnen, die zurückkehren, wären das aber als Töchter der alten Königin, Königinnen. Phil wies darauf hin. Eine Erklärung könnte vielleicht auch sein, dass junge Königinnen in Pleometrose gründen.
      Das sind Spekulationen, ich weiß. Aber es ist eben interessant, darüber nachzudenken. Wie gesagt, mit den Tieren, die jetzt vorhanden sind, wird man das nicht klären können.
      Das Wichtigste erst mal für mich und eine gute Basis für weitere Beobachtungen später wieder im Freiland, ich kann die Tiere jetzt hier beobachten. Gibt es diese Kolonie, kann man später sogar Versuche zur Adoption machen, vorausgesetzt, man findet noch einmal Jungköniginnen der Art.



      Es sieht ja nun erst mal sehr gut aus bei dieser Kolonie. Die Königin, dicht umringt von den Arbeiterinnen. Unten links, unscharf, ein großes Paket mit jungen Larven und Eiern.

      Soweit für heute.

      LG, Frank.
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    • Diese Ameise will ich, so lange es geht, möglichst naturnah und artgerecht halten. Dazu gehört ein Auslauf in die relativ freie Umgebung mit natürlichen LF-Verhältnissen, Luftbewegung, Lichtverhältnissen und verschiedenen Nahrungsbeschaffungsmöglichkeiten. Mindestens so lange, wie die Kolonie noch zu "beherrschen" ist und die Zahl der Tiere einigermaßen überschaubar ist.
      Dazu muss man sagen, dass diese Ameisen überraschend gut zu halten sind. Sieht man sie im Freiland, denkt man nur, wow, das geht ja gar nicht. Aber in der Haltung sind sie relativ brav, sie marschieren eigentlich sehr diszipliniert nur auf ihren Duftstraßen. Erst, wenn sie alarmieren und gereizt sind, wird es schwierig. Plastik-Behälter wie dieser Auslauf rechts kann man jedoch sehr und auch dauerhaft gut mit Talkum präparieren, Talkum ist für diese ansonsten hervorragend kletternden Baumameisen eine unüberwindliche Sperre.
      Vorteil einer solchen offenen Haltung ist außerdem, die Ameisen zeigen ein eher natürliches Verhalten. Sie sind in dem relativ entfernten Auslauf nicht mehr so aggressiv, zeigen sogar etwas Schüchternheit und Fluchtverhalten bei Beunruhigung. Natürlich wird sich das mit dem zu erwartenden Wachstum der Kolonie wieder ändern.

      Heute war ein Besuch beim Baumarkt fällig und danach habe ich schnell diese Konstruktion angefertigt. Einfach, aber solide. Das antstore-Beobachtungsnest ist nun über einen ein Meter langen transparenten Schlauch mit dem Auslauf verbunden. Später werde ich vielleicht im Raum freihängende Äste verwenden, das geht bei diesen Ameisen, sie fallen niemals herunter. Im Auslauf etwas Kies und Erdreich, eine Pflanze (der übliche Ficus benjami), einige Äste und Zweige. Die Ameisen erkunden alles neugierig, fanden auch schon das bereitgelegte Futter, Nacktpuppen einer häufigen Formicine.



      Tolle Sache für mein Wohnzimmer... :pardon:

      LG, Frank.
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    • Danke für den ausführlich gestarteten Bericht, ich drücke dir die Daumen, dass es weiterhin so gut läuft! Bei der Menge an zugesetzten Arbeiterinnen geht die Kolonie sicher bald total durch die Decke.

      Frank Mattheis schrieb:

      Andererseits scheint es so zu sein, dass neuere Untersuchungen Hinweise geben, dass Tiere in den Kolonien zusammen leben, die miteinander genetisch nicht verwandt sind. Die Jungköniginnen, die zurückkehren, wären das aber als Töchter der alten Königin, Königinnen. Phil wies darauf hin. Eine Erklärung könnte vielleicht auch sein, dass junge Königinnen in Pleometrose gründen.
      Bei der bei Boro's Sohn claustral gründenden Königin scheint es zumindest auch sehr gut voranzugehen: http://www.ameisenportal.eu/viewtopic.php
      Da eine selbstständige Gründung also dem Anschein nach gut möglich ist, klingt auch die Möglichkeit der Pleometrose bei dieser Volksgründung irgendwie gar nicht abwegig und vielleicht ist dann weniger an den ganzen Geschichten dran, als es schien.

      Viele Grüße, Phillip
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)
    • Hi Phillip. Ja, ich verfolge natürlich den Bericht von Boro im AP. Freut mich sehr, dass es so gut funktioniert bei ihm. Danke, dass Du den Link eingefügt hast, ich habe das vergessen.
      Wie man dort sehen kann, scheint die Königin bei seinem Sohn jetzt allein, ohne Arbeiterinnen-Unterstützung zu gründen. Ganz offensichtlich gründet die Art also, wahrscheinlich i.a.R., claustral und ist dazu in der Lage.
      Die Königinnen sehen auch genau so aus, als ob sie das könnten, wenn man das laienhaft so sagen darf. Sie ähneln im Körperbau den Königinnen anderer Arten, die claustral gründen. Großer Gaster, großer Thorax, viel gespeicherte Energie in den jungen Königinnen. Entfernt ähneln die Königinnen für mich denen von Lasius brunneus, sind aber natürlich etwas größer und noch kurzbeiniger.

      Das, was ich hier am Anfang mit dem Zusetzen meiner Arbeiterinnen erlebt habe und oben beschrieben habe, scheint das auch zu bestätigen. Die Königinnen sind bei der Gründung nicht nur nicht auf die Hilfe fremder Arbeiterinnen der eigenen Art angewiesen, es ist für sie auch verdammt gefährlich, in deren Nähe zu geraten.
      Aber natürlich kann man mit vorsichtigem Zusetzen von Arbeiterinnen die Koloniegründung beschleunigen und erleichtern. Die Arbeiterinnen hier bei mir wurden nach wenigen Tagen duldsamer und griffen die Königin nicht mehr an. Wie ich beim Zusetzen der Arbeiterinnen vorgegangen bin, habe ich ja erzählt.

      Kann ja auch sein, dass weisellose Kolonien einige Zeit nach dem Tod der eigenen Königin und ohne deren Einfluss und ohne Brut neue, zugelaufene und junge Königinnen ohne weiteres adoptieren. Bei dem riesigen Einzugsbereich einer großen Kolonie kann es dann sogar sein, dass etliche Königinnen eingesammelt werden. Vielleicht entstehen so die riesigen Kolonien der Art, die dann wohl auch polygyn sind. Aber das ist nur Spekulation. Man kann das in den nächsten Jahren mal untersuchen, Arbeiterinnen wird es hoffentlich dann genug geben für solche Versuche.
      Im Prinzip war meine Arbeiterinnengruppe ja nun, nach einigen Tage der Isolation von der eigenen Kolonie und dem ständigen Füttern mit reichlich Zucker und auch Proteinen weisellos. Vielleicht hat das reichliche Füttern, fast ein Durchspülen, die Bewegung, die Tiere waren ständig unterwegs im Terrarium und die Isolation den anfangs noch vorhandenen pheromonellen Einfluss der eigenen Königin abgeschwächt. Dafür spricht für mich, dass die Tiere nach mehreren Tagen immer duldsamer zu werden schienen, ernste und auch gefährliche Angriffe gab es nur in den ersten Tagen, wie oben beschrieben. Die später zugesetzten Tiere und am stärksten die zuletzt zugesetzten Tiere waren nicht mehr gleichgültig oder gar aggressiv gegenüber der jungen Königin. Es war schon ein großes Eipaket da, es hatten sich schon viele Arbeiterinnen der Königin angeschlossen und umringten sie und die dann zugesetzten Arbeiterinnen taten es ebenfalls problemlos. Änderten auch ihr Verhalten. Das Suchen und Umherlaufen beendeten sie, sie hielten sich und halten sich im Nest, bei der Königin auf. Verlassen es nur, um die üblichen Erledigungen zu besorgen, die eine Ameisenarbeiterin nun einmal rein beruflich zu erledigen hat :rolleyes: .

      LG, Frank.
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    • Moin Frank!

      Frank Mattheis schrieb:

      Was Phil sagt, ist naheliegend. Das Nest und die Struktur erinnert an Dendrolasius. Allerdings ist die Struktur noch viel härter und fester. Fast wie das umliegende Holz. Es ist wahrscheinlich, dass auch bei den Liometopum ein Pilz für die wachsende Stabilität sorgt. Man wird in der Haltung sehen, wie viele Kohlehydrate von der Kolonie verbraucht werden und vielleicht auch sehen können, wie sie bauen.
      Ich habe mir eben noch einmal Bilder von Nestern der heimischen Ameisenart Lasius (Dendrolasius) fuliginosus im Internet angeschaut, auch sie setzt einen Pilz gezielt ein. Rechnet ihr jetzt bei der Liometopum microcephalum mit ähnlichen Kartonnestern? Als ich mich die ersten Male tiefergehend mit Ameisen via Internetsuchen beschäftigte, waren besonders die Fotos dieser Nester für mich faszinierend. Irgendwie brach das meine Vorstellungen auf, was Ameisen zuvor für mich hauptsächlich waren: Bodenkrabbler und Erdtaucher. Die Eingruppierung in die Gruppe der eusozialen Tiere war mir damals noch nicht bekannt.

      Ich bleibe gespannt auf deinen Bericht...

      Gruß, Olaf
      „It's a white whale, I say,“ resumed Ahab, as he threw down the top-maul; „a white whale. Skin your eyes for him, men; look sharp for white water; if ye see but a bubble, sing out!“ Moby Dick, Herman Melville
    • In gewisser Weise ähnlich. Aber doch anders. Der Nestbau oder der Charakter des Nestes von fuliginosus ist wahrscheinlich etwas anders. Bewohnte, funktionierende Nester haben relativ weiche, brüchige Nestwandungen im Nestinneren. Diese sind dunkelbraun, fast samtig. Winzige Holzpartikel werden von den Ameisen zusammengefügt und vermutlich mit zuckerhaltigen Speichel verklebt und vermauert. Wahrscheinlich sorgt der darin lebende Pilz nicht nur für die Stabilität, er verleiht den Nestwandungen auch eine gewisse Elastizität. Die Nestwandungen werden auch verändert, umgebaut, sind nicht völlig statisch. Bei verlassenen Nestern werden die Nestwandungen härter und stabiler, wahrscheinlich infolge des Absterbens des Pilzes mangels weiterer Versorgung.
      Kann sogar sein, für mich zumindest denkbar, dass der lebende Pilz im Nest bei der Klimatisierung der Nester unterstützt. Die Nester sind warm, jeder, der mal reingegriffen hat, weiß das. Sicher "beheizen" die Ameisen mit Körperwärme ihr Nest, möglicherweise beheizt aber auch der Pilz mit seiner Stoffwechselaktivität das Nest. Und zwar in einer Weise, dass sich die Temperaturen im Nest bei ausreichender Versorgung mit Kohlehydraten im optimalen Bereich bewegen.

      Bei den Liometopum sind die Nestwandungen, zumindest die, die wir kennen und anfassen konnten, stabiler und eigentlich wirklich knochenhart. So sind zumindest meine Beobachtungen. (Vielleicht werden ja andere Sekrete von den Arbeiterinnen eingesetzt, um Holzpartikel zusammen zu fügen.) Wenn hier ein Pilz unterstützt, scheint er vielleicht nach einiger Zeit abzusterben. Auch im bewohnten Nest. Jedoch, wir konnten nur Nestteile anfassen, die bereits unbewohnt waren. Vielleicht ist es also auch völlig anders und die Nestwandungen sind ähnlich wie bei den Lasius-Arten auch im bewohnten Nest weich, umbaubar und lebend.
      Aber man muss das abwarten. Es wird einige Zeit dauern, bis wir hier etwas sehen können bei dieser Kolonie.

      LG, Frank.
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    • Nun gibt es endlich die ersten Arbeiterinnenpuppen. Eine für mich etwas heikle Wartephase ist vorbei. Man weiß ja nie mit absoluter Sicherheit, ob alles gut geht und ob die Königin wirklich begattet ist. Sicherheit bringen erst die ersten Arbeiterinnen, die schlüpfen werden. Dank der bei den Dolichoderinen üblichen Nacktpuppen ist das nun klar.



      Winzige Arbeiterinnenpuppen im Larvenhaufen. Endlich die Sicherheit, eine begattete Königin zu besitzen.

      Es wird Zeit, dass neue und junge Arbeiterinnen schlüpfen. Die Sterblichkeit unter den alten Arbeiterinnen nimmt zu und scheint natürlichen Ursprungs zu sein. Offenbar sind das ja fast alles alte Arbeiterinnen, ich habe sie ja alle im Aussendienst eingesammelt, fernab vom heimischen Nest. Es wird auch bei dieser Ameise einen Alterspolyethismus geben. Aussendienstaufgaben werden mit Sicherheit eher von älteren Arbeiterinnen erledigt.

      Ich bin sehr froh.

      LG, Frank.
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    • Wenn ich in den vorhergehenden Beiträgen geschrieben hatte, dass Mehlwürmer und Grillen verschmäht werden, so hat sich das nun grundlegend geändert. Es gibt viele Larven unterschiedlicher Größe, fein säuberlich sortiert, die sind hungrig und nun werden Mehlwürmer genommen und restlos verwertet. Neben Mehlwürmern ab und zu noch eine erschlagene Fliege, alles wird jetzt angenommen.
      Alles andere hätte mich auch gewundert. Wir kennen diese Ameise als eine sehr räuberische Art. Im letztem Jahr waren wir im März in der Türkei und beobachteten dort mit Phil Kolonien der Art. Der März ist fast schon der späte Frühling im Süden der Türkei, die Kolonien waren nun schon seit Wochen aktiv und hatten zu dem Zeitpunkt sicher bereits Unmengen von Larven. Zudem sicher große Geschlechtstierlarven, deren Bedarf an Proteinen vielleicht noch größer ist als der kleiner Arbeiterinnenlarven.
      Die Arbeiterinnen der großen Kolonien hatten den gesamten Boden um die Nist- und Futterbäume überrannt und mit ihrer Menge überflutet. Während die Art sonst in geordneten Straßen und Kolonnen unterwegs ist, war dies ein völlig anderes Bild. Alles wurde abgesucht und alles Lebende, was erreichbar war, wurde angegriffen und überwältigt. Das Verhalten der Ameisen und ihr weit ausschwärmendes und doch organisiertes Vorgehen ähnelte dem, wie es von vielen Treiber- und Wanderameisen berichtet wird. An einigen Stellen hatten die Ameisen große Regenwürmer angriffen, die sich unvorsichtigerweise an der Bodenoberfläche erwischen ließen und mit ihrer Masse überwältigt. Eine ungewöhnliche Beute für eine relativ kleine Ameise. Aber offenbar war der Proteinbedarf der Kolonien jetzt riesig und so wurden auch Regenwürmer angegriffen.



      Ein Foto vom letzten Jahr. Arbeiterinnen zerlegen einen überwältigten Regenwurm.

      LG, Frank.
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    • Die Entwicklung geht stetig voran. Es gibt immer mehr Puppen und Larven.



      Obwohl meine Kolonie bzw. die Jungkönigin von sehr vielen Arbeiterinnen unterstützt wurde und sich die Königin daher kaum selbst um die Brutaufzucht kümmern musste, sind die Puppen ebenso winzig wie bei Boro's Jungkönigin, die ihre Nachkommenschaft wohl alleine aufgezogen hat. Es werden also ebenso winzige Arbeiterinnen schlüpfen, wie Boro sie beschreibt und in seiner Haltung beobachtet, etwa mit Körperlängen von gut 2 mm.
      Typische Erstlingsarbeiterinnen, klein und daher schnell und mit wenig Energieeinsatz aufzuziehen. Solche winzigen Erstlingsarbeiterinnen finden sich vor allem bei claustral gründenden Art in den ersten Generationen nach der Koloniegründung. Sie sind für mich ein weiterer, deutlicher Hinweis, dass wir es hier mit einer claustral gründenden Art zu tun haben.

      LG, Frank.
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    • Ich habe heute den Auslauf verändert und andere Pflanzen eingesetzt. Natürlich ein Fleissiges Lieschen. Es wird, sobald es gut angewachsen ist und sich vom Umsetzen erholt hat, den Ameisen an seinen Nektarien ständig Kohlehydrate liefern.
      Ausserdem habe ich einen Hibiscus eingesetzt. Diese Pflanze verfügt über sehr produktive Nektarien an den Blüten.

      Beide Pflanzen standen zur "Entgiftung" einige Zeit auf dem Balkon. Erst jetzt, nachdem sie nun reichlich besucht wurden von den Arbeiterinnen einer dort lebenden Lasius niger-Kolonie habe ich die beiden Pflanzen verwenden wollen.
      Ich musste die Liometopum-Kolonie für eine kurze Zeit vom Auslauf trennen. Das ging recht gut, es waren nur wenige Arbeiterinnen im Auslauf, die ich schnell einsammeln konnte. Jedoch bemerke ich im Moment doch eine Veränderung im Verhalten der Außendienst-Arbeiterinnen. Sie sind weit weniger mutig und draufgängerisch. Man muss sie buchstäblich einsammeln, sie laufen nicht von allein, erregt und wütend auf hingehaltene Stöckchen. War jedoch kein großer Aufwand, es waren eben nur wenige Arbeiterinnen im Auslauf, als ich meine Arbeit begann.
      Beide Pflanzen stehen nun im Auslaufbehältnis in feinkörnigen Lavasplit. Die Lava ist zum Teil abgedeckt mit rotem Lehm. Hierauf können sich diese kompakten, kurzbeinigen Ameisen gut bewegen.
      Nachdem ich der Kolonie wieder Freigang in den neu eingerichteten Auslauf ermöglichte, wurde dieser schnell erkundet. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis die Ameisen den Hibiscus erkletterten. Ich hatte nicht aufgepasst, auf dem Hibiscus befanden sich noch einige wenige niger-Arbeiterinnen, die diesen tatsächlich anfangs entschlossen verteidigten. So zeigten mir die Liometopum ihre Strategie beim Erobern neuer Nahrungsquellen. Anfangs kam es nur zu kleinen Scharmützeln einzelner Arbeiterinnen mit den niger-Arbeiterinnen. Keine ernsthaften Kämpfe, man zeigte nur, dass man anwesend war. Ohne Entschlossenheit auf der Seite der Liometopum, was die vier niger-Arbeiterinnen wohl zur falschen Einschätzung verführte, sie könnten den Hibiscus tatsächlich besetzt halten. Doch ließen die Liometopum nicht locker und besetzten langsam, vom Stamm aufstegend, die Pflanze. Sie gewährten den niger-Arbeiterinnen dabei immer die Möglichkeit, sich zurück zu ziehen. Diese taten das angesichts der schieren Übermacht. irgendwann entdeckte die erste Liometopum-Arbeiterin den Nektar an den Blüten, rekrutierten die Kolleginnen und nun brach der Damm. Trotzdem wurden die niger nicht ergriffen und getötet. Sie wurden nur vertrieben.
      Dieses kleine Vorkommnis erinnerte mich an Beobachtungen, die ich im Freiland an vagus-Nestern und den Nestern anderer Ameisen gemacht habe, die von den Liometopum bedrängt wurden. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich ja eigentlich nie ernsthafte, direkte Kämpfe zwischen den Ameisen gesehen habe. Und wenn, dann nur, weil eine unvorsichtige Liometopum-Arbeiterin zu nahe an den Eingang eines vagus-Nestes gewagt hatte und dann dort von den wütenden Wächterinnen gepackt und zermalmt wurde. Vielleicht dominiert Liometopum ja viel weniger durch den direkten Kampf Ameise gegen Ameise, wahrscheinlich viel eher durch die Masse an herangeführten Arbeiterinnen, den Stress, den das bei belagerten Kolonien verursacht und natürlich mit Hilfe des für andere Ameisen widerlich riechenden und für Insekten sicher giftigen Kampfstoffes, den die Arbeiterinnen einsetzen. All dies zusammen führt zu einer großen Aufregung und zum Stress bei belagerten Kolonien anderer Arten, wird dabei auch noch über Tage fortgesetzt und letztlich erreichen die Liometopum-Truppen auf diese Weise, dass die Kolonien anderer konkurrierender Arten entnervt und irgendwann Hals über Kopf das Weite suchen. Wenn sie es noch können und ein Weg für einen Rückzug offen ist.

      Liometopum microcephalum auf einer jungen Hibiscusblüte.

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      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Die Kolonie ist stark geschrumpft, viele der alten Arbeiterinnen sind verstorben oder offensichtlich bereits alt. Manchmal sehe ich Arbeiterinnen im Auslauf, die invalide erscheinen. Fühler sind abgebrochen, Beine werden nachgezogen oder fehlen. Wahrscheinlich normaler, altersbedingter Verschleiß der Arbeiterinnen, die ja ständig laufen und zwischen dem Nest und dem Auslauf hin und her marschieren. Die Arbeiterinnen, die ich aus Ungarn mitbrachte und die die Kolonie bis jetzt und noch einige Zeit versorgten, sind alle bereits alt, alle Tiere stammen mindestens aus dem vorigem Jahr oder sind wahrscheinlich bereits älter. Vermutlich erreichen diese Arbeiterinnen etwa ein Lebensalter von vielleicht zwei Jahren. Das ist für ein so kleines Insekt ja auch schon ein langes Leben.
      Das langsame Verschwinden der alten Arbeiterinnen ist kein Problem, denn es schlüpfen nun die ersten Generationen der jungen Arbeiterinnen von diesem Jahr. Sie sind Nachkommen der Königin in diesem Nest.

      Ein Blick in das Nest.



      Erkennbar haben die Ameisen begonnen, mit dem zur Verfügung stehenden Material ihr Nest anzufertigen. Teile aus Erde und Holz werden fest vermauert und bilden die Wände des Nestes. Anders als bei den fuliginosus sind diese Wände bisher relativ dick und kompakt. Man erkennt noch deutlich die Partikel, die für den Bau verwendet wurden.
      Das Nest ist noch sehr klein, erstreckt sich vielleicht über einen Raum von 5 mal 10 Zentimetern, und nimmt so nur einen winzigen Teil des gläsernen Beobachtungsnestes ein. Es befindet sich im Lichtkegel der Rotlichtlampe, die ich zur Erwärmung des Nestes installiert habe.



      Nach dem, was ich bisher beobachtet habe und dem, was ich bei Boro im Ameisenportal lese, sieht es für mich so aus, als ob diese Art natürlicherweise claustral gründet. Die winzigen Erstlingsarbeiterinnen, der typische Körperbau der Vollweibchen, der Fundort meiner Jungkönigin und das Schwarm und Flugverhalten der jungen unbegatteten Vollweibchen, dass sich daraus schlussfolgern lässt, letztlich die Probleme, die ich mit dem vorsichtigen Zusetzen der Arbeiterin zur Königin anfangs hatte und die beinahe zum Verlust der Königin führten, all diese Beobachtungen lassen für mich keinen anderen Schluss zu.

      Soweit erst mal.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Es zeigt sich immer mehr, dass die Art einfach zu halten ist. Besonders angenehm ist, dass diese Ameisen eigentlich niemals graben und versuchen, im Auslauf ein Erdnest anzulegen. So kann ich im Auslauf Pflanzen pflegen wie den Hibiscus und ein Fleißiges Lieschen. Das Fleißige Lieschen wird ständig von Arbeiterinnen besucht und die Nektarien werden abgesammelt. Ich hoffe, irgendwann einen Hibiscus zu finden, der mit Blatt- oder Schildläusen besetzt ist. Dann sollte eine Haltung der Ameisen mit Pflanzensaugern möglich sein.
      Ausbruchsversuche finden überhaupt nicht statt. Sie sind auch eher unmöglich, das Talkum an den Plastikwänden des Auslaufes ist für die Ameisen unüberwindlich.
      Vorerst genügt für die Kohlehydratversorgung der Kolonie neben dem Fleißigen Lieschen die Zuckertränke. Dazu einige erschlagene Fliegen, ab und zu ein Mehlwurm, Puppen anderer Ameisen. Zucker und Proteine lassen die Kolonie langsam wachsen.

      Die Königin hat mit einem Teil der Brut der Kolonie einen anderen Teil des Beobachtungsnestes bezogen. Es entsteht eine neue Kammer, wahrscheinlich nicht für lange Zeit. Denn diese Kammer befindet sich direkt am Ausgang des Beobachtungsnestes.



      Es sind bereits sehr viele junge Arbeiterinnen geschlüpft. Keineswegs nur ganz kleine Winzlinge, auch bereits etwas größere Arbeiterinnen. Trotzdem erreichen diese jungen Arbeiterinnen noch lange nicht die Körpergrößen mancher alter Arbeiterinnen. Diese haben die Größe kleiner Waldameisen, KL 6 bis 8 mm.
      Die Entwicklung der Kolonie ist sehr gut. Nach den anfänglichen Problemen scheint jetzt alles von selbst zu gehen. Das kommt mir im Moment sehr entgegen.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?
    • Die Kolonie vertilgt jetzt bereits jeden Tag zwei mittlere Heimchen und verwertet diese restlos. Ich könnte sicher mehr reichen, ich habe nicht das Gefühl, als wenn etwas liegen bleiben würde.



      Sobald eine Arbeiterin ein solches frischtotes Heimchen findet, rennt sie in heller Aufregung zum Nesteingang. Alle ihr unterwegs begegnenden Arbeiterinnen werden informiert und wissen scheinbar augenblicklich, was die Ursache für die Erregung der alarmierenden Kundschafterin ist. Die Arbeiterinnen werden betrillert, angeschubst, mit Pheromonen informiert. Der Informationsaustausch geschieht taktil und chemisch. Er ist sehr effizient, wie bei vielen Dolichoderinen und anderen Ameisen. Man erhält sofort den Eindruck, als ob die Ameisen sich gezielt informieren können über die Beschaffenheit der Nahrungsquelle. Bei Proteinen wird stärker alarmiert, bei Kohlehydraten erfolgt die Rekrutierung weniger stürmisch. Das liegt sicher auch daran, weil Kohlehydrate eigentlich ständig in kleinenMengen verfügbar sind, das Fleißige Lieschen produziert fortlaufend etwas Nektar.

      Zwei Blicke auf die Haltungsanlage im derzeitigen "Bauzustand". Ich bitte um Entschuldigung für das herumliegende Tshirt... :pardon:



      Man sieht ganz nebenbei auch den Nistkasten meiner Wespenkolonie und das kleine Terrarium meiner gulosa-Kolonie. Beides am Fenster stehend.
      Das Beobachtungsnest der Liometopum-Kolonie ist über einen üblichen, transparenten Schlauch mit dem Auslauf verbunden. Der Auslauf ist mit Talkum gesichert. Funktioniert hervorragend bei diesen Ameisen. Erstaunlich für mich sowieso immer wieder, es gibt keine Versuche der Ameisen, die Talkum-Sperre zu überwinden. Es werden eigentlich nur die Pflanzen und Ästchen belaufen.
      Ich werde irgendwann den Auslauf für die Liometopum-Kolonie vergrößern, um mehr Pflanzen zur Verfügung zu stellen. Diese Ameisen sind Baumameisen, sie klettern sehr gern auf Pflanzen und sammeln hier Nahrung. Im Moment ist die Anlage jedoch noch weitläufig genug und bietet der Kolonie genug Platz zum fouragieren und für die Abfallentsorgung.

      LG, Frank.
      Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?