Wespen-Domestizierung in Japan

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    • Wespen-Domestizierung in Japan

      Durch eine Newsseite auf über Facebook bin ich auf einen spannenden Artikel gestoßen, den ich euch nicht vorenthalten wollte. Es ist ein Bericht über das Züchten von sozialen Faltenwespen (Vespula flaviceps & V. shidai) in Japan. Dort wird in vielen Regionen traditionell die Wespenbrut verspeißt. Es haben sich sehr interessante Methoden etabliert um die Wespen zu finden, zu fangen und schlussendlich auch zu halten und die Königinnen überwintern zu lassen.
      Zu dem Artikel:

      CLR Payne & JD Evans (2017) Nested Houses: Domestication dynamics of human–wasp relations in contemporary rural Japan. Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine 13:13
      doi.org/10.1186/s13002-017-0138-y


      Wie werden die Wespen gefunden?
      An der "Jagd" nach Wespen sind mehrere Personen beteiligt, die miteinander über größere Distanzen kommunizieren müssen, um die Wespennester zu finden. Zunächst wird im Habitat der Wespen (üblicherweise ein Wald) ein Köder ausgelegt. Dabei eigenen sich vor allem intensiv riechende Fleischstücke, beliebt ist wohl besonders roher Tintenfisch frisch vom Markt. Die Köder werden so präpariert, dass sie kleine Stückchen bilden, welche die Wespen dann am Stück wegfliegen sollen. Dieses kleine Stückchen wird mit einem längeren, dünnen Baumwollfaden als Markierung versehen. Wenn es gelingt, dass die Wespe das Stückchen annimmt und davonfliegt, kann man ihr aufgrund des Markers gut folgen. Am besten verwendet man mehrere solcher Köder.
      Nun ist es wichtig der Flugroute zu folgen. Das ist oft gar nicht so einfach, z.B. wenn die Wespe durch ein undurchdringliches Gelände (z.B. eine Felswand hoch) fliegt. Dafür muss man mit seinen Jagdkollegen kommunizieren, man stellt die Leute an solche Stellen, wo man theoretisch erwartet wo die Wespe wieder erscheinen könnte. Wer sie findet, kann schnell die anderen wieder zur Hilfe rufen. Irgendwann stößt man so auf das Nest.
      Um das Nest zu öffnen verbrennt man etwas vor dem Nest, damit man nicht sofort attackiert wird. Dafür eigenen sich Ping-Pong-Bälle oder ein Stab mit einem Zinkchloridpräparat. Heutezutage gräbt man die Wespen dann mit Schutzkleidung aus, früher hat man wohl nachts gegraben, weil dann die Wespen nichts sehen und man auch ohne Schutzkleidung relativ sicher vor einer Attacke ist.

      Wie werden Völker gesammelt gehalten?
      Will man die Wespen zum sofortigen Verspeißen sammeln, jagt man sie normalerweise im späten Sommer, wenn die Völker am größten sind und am meisten Brut beherbergen. Will man die Wespen allerdings halten und züchtne, dann werden sie im Frühjahr gesucht, wenn die Nester noch klein genug sind um sie gut zu transportieren. Die Wespen sind dann nicht so aggressiv, und man sollte keinen Rauch verwenden (da sonst vielleicht die Königin flieht). Findet man den Nesteingang, sollte man zunächst daraufklopfen, um ihnen etwas Angst zu machen, weil sie sich dann ganz ins Nest zurückziehen. Um das kleine Nest zu transportieren, wird es in eine kleine Box mit den Ausmaßen von 7,5x17,5 cm gelegt (sie sollte am Besten der Größe des Wespennestes angepasst sein). Etwas Stroh oder Paper wird mit hinein gegeben, damit es während des Transports nicht zu Schäden kommt.
      Die Box wird schließlich vor einer künstlicher Holzbox, die etwas an Bienenhaltung erinnert, platziert. Am Eingang wird etwas Futter platziert, und anschließend werden die Wespen freigelassen und ziehen und ziehen in ihre Nestbox ein. Früher hat man die Wespen in künstlich angelegten Nestern unter der Erde gehalten.
      Die Wespen werden üblicherweise zweimal täglich mit Zuckerwasser und Fleisch (Leber, Hühnchenbrust, Fisch) gefüttert. Dadurch erreichen die Nester oft eine unnatürliche Größe, und werden dann im Spätsommer "geerntet" und verzehrt.

      Wie werden Königinnen gesammelt und überwintert?
      Einige Nester werden nicht "geerntet", sondern werden zur Königinnenzucht beibehalten. Um das Wespennester herum werden alte Bambusstäbe und ähnliche röhrenförmige Objekte in der Umgebung platziert. Hierin sammeln sich im Winter dann die jungen Königinnen um zu überwintern. Man sammelt sie ab und steckt sie in eine kleine Überwinterungsbox. Diese enthält trockenes Laub und ein Stück frischen Kohl für Feuchtigkeit. Die box enthält natürlich auch Lüftungslöcher, und wird dann kühl gelagert.

      Wie ist die kulturelle Rolle der Wespen?
      Die Wespen werden vor allem von älteren Herren gehalten und gezüchtet. Sie genießen ein gutes ansehen unter den Japanern, und werden ähnlich wie die Honigbienen als friedfertig und nützlich angesehen. Wespenzucht kostet viel Zeit und Arbeit, und gibt nur wenig Ertrag in Form von Wespenbrut. Es ist daher ein zeitintensives Hobby und kein Beruf, weswegen eine intensive Beziehung zwischen den Hlater und Wespen besteht; im Aritkel wird z.B. genannt, dass ein Wespenhalter seine Wespen als seine "Freundin" bezeichnet.


      Ich finde das alles sehr spannend, wobei ich selbst wirklich zum ersten Mal davon höre. Ich hoffe euch hat der kleine Beitrag gefallen, und ich frage mich, inwiefern die Methodik z.B. mit dem Ködern auch auf unsere einheimischen Wespen übertragbar ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass es funktioniert!

      Grüße, Phil
    • Toll, davon habe ich auch noch nie gehört, danke dir für die Zusammenfassung, Phil!

      Die Ködermethode mit Bindfaden klingt spannend, das werde ich nächsten Sommer mal ausprobieren - man sieht so viele Wespen, aber findet doch verhältnismäßig selten Nester, wenn man nicht gezielt danach sucht.
      "Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen und wer sie aufzuheben versteht, hat ein Vermögen." (Jean Anouilh)
    • Hey Phil, danke für diesen interessanten Beitrag. Das ist für mich auch völlig neu, dass solche Kurzkopfwespen in dieser Art in Japan bewirtschaftet werden. Dass man in Fernost die Brut der viel größeren Hornissenarten isst, gegrillt oder frittiert, wie man dort auch viele andere Insekten in dieser Art isst, dass wusste ich. Aber dass diese relativ kleinen Wespen von Vespula auch so verwertet werden, war mir neu.
      ich habe gleich mal gegoogelt, in Wikipedia findet man zu dieser Wespenart wenige Informationen.

      Wenn ich darf, möchte ich ein paar von meinen Erfahrungen schildern.
      Wenn ich im Frühjahr oder Sommer nach Nestern suche, von Wespen oder Hummeln, dann gehe ich eigentlich ähnlich vor. Ich beobachte den Luftraum, in der Nähe der Nester kann man die Einflugschneisen der Arbeiterinnen sehen. Sind die Völker bereits größer und es herrscht entsprechender Flugverkehr, ist das nicht schwierig. Es wird dann aber schwierig, ein solches Nest und Volk "auszuheben", unsere Wespen, zumindest die heimischen Vespula- und Vespa-Arten, ziehen sich bei einem brennenden Pingpong-Ball nicht zurück.
      Selbst das sehr junge und noch kleine Erdwespen-Volk, dass ich in diesem Jahr im Frühsommer ausgrub und dann den Sommer über hier hielt, war aggressiv und abwehrbereit. Ich habe als erstes die Arbeiterinnen abgefangen. Weil die Wespen sehr aggressiv und abwehrbereit sind, ist das nicht ganz ohne, geht aber. Ich habe dazu Wasserflaschen aus Plastik verwandt. Dazu wurde der Flaschenhals abgeschnitten und dann umgekehrt an die abgeschnittene Wasserflasche wieder befestigt. So entsteht eine einfache Plastikreuse, in die die wütenden Wespen einfliegen können, die sie aber nicht ohne weiteres wieder verlassen können. Diese abgeschnittenen Wasserflaschen werden an den Nesteingang gehalten, in diesem Falle war das eine Erdhöhle. Dann wird das Nest erschüttert, ich habe auf den Boden darüber geschlagen und schon kommt der erste Schwung aufgebrachter Arbeiterinnen. Das Ganze wiederholte ich einige Male, man sollte sich nie darauf verlassen, bereits alle kampfbereiten Arbeiterinnen abgefangen zu haben. Ich hatte insgesamt drei solcher vorgefertigten Flaschen mit. Für etwa zwanzig Arbeiterinnen.
      Daheim werden die Arbeiterinnen nach und nach dem Nest wieder zugesetzt. Alles nicht ganz einfach, man möchte ja nicht gestochen werden. Trotzdem muss man zügig arbeiten, denn die Wespen müssen wieder auf das Nest. Und die zuerst zugesetzten Arbeiterinnen wollen irgendwann nach einiger Zeit wieder ausfliegen, bis dahin sollten alle Arbeiterinnen natürlich wieder auf dem Nest sein, so dass die Arbeiterinnen ausfliegen können, die u.U. neue Umgebung erkunden können und das alles ohne weitere Beunruhigungen und Störungen.
      Einfacher ist es, ein Anfangsnest mit nur einer gründenden Königin umzusiedeln. Gleichzeitig ist das aber auch riskanter. Die Königin ist allein. Wenn sich diese eine Wespe verfliegt und nicht wieder zum neuen Standort zurück findet, was leider nicht selten geschieht, ist das Nest verloren. Außerdem ist es natürlich viel schwieriger, solch ein Nest zu finden. Es herrscht natürlich noch kein ständiger Flugverkehr. Große Wespen wie die Hornisse sind dabei von weitem zu sehen und leicht optisch zu verfolgen. Kleinere Arten wie die Kurzkopfwespen fliegen schneller und sind weniger auffällig.
      Ich mache das dann so, dass ich mich an einem vielversprechenden Ort hinsetze und die Umgebung beobachte. Gerade vor einem dunklen Waldrand kann man auffliegende und nieder fliegende Wespen oder Hummeln gut sehen. Sehe ich so etwas, nähere ich mich dem Ort, um weiter zu beobachten. Mit etwas Glück findet man so nach einigem Annähern und Beobachten den Nesteingang. Das kann dann ein paar Stunden dauern, aber man findet auch etwas ganz Besonderes.
      Ebenso kann man holzschabende Wespenarbeiterinnen oder -königinnen beobachten. Nach dem Nistmaterialsammeln fliegen die Wespen immer auf kürzesten Weg zum Nest zurück. Oft fliegen sie aber über mehrere dutzend oder hundert Meter. Weil sie aber relativ klein und schnell sind, ist es schwierig, sie zu verfolgen. Aber, manchmal hat man Glück und das Nest befindet sich in der Nähe.

      LG, Frank.