Polyergus rufescens - ein spannendes Erlebnis

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    • Polyergus rufescens - ein spannendes Erlebnis

      Nachdem ich nun fürs erste alle Prüfungen geschrieben hab und im Urlaub war, schaffe ich es endlich, über meine spannende Polyergus rufescens Beobachtung zu schreiben. Es geht hierbei nicht um einen Raubzug, auch wenn diese natürlich nicht weniger aufregend sind.
      Hier in Würzburg sind diese besonderen Ameisen glücklicherweise an passenden Standorten vertreten, wodurch ich im letzten Jahr (noch unwissend) das erste mal über sie "stolperte". Ich konnte einen Raubzug beobachten. In den folgenden Sommermonaten folgten noch zwei weitere.
      Jeder, der dies schonmal beobachten konnte, wird mir beipflichten, wie interessant und faszinierend diese Art ist. Und dass sie einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Meine Entscheidung stand fest: Irgendwann werde ich diese Art halten. Damals hielt ich noch eine große Formica fusca Kolonie mit zwei Königinnen, wodurch die Puppenversorgung fürs erste gewährleistet wäre. Leider fand ich keine P. rufescens Queen. Im Frühsommer 2018 entließ ich meine F. fusca Kolonie in die Freiheit. Um Platz für neues zu schaffen. Meine Idee die Amazonenameise zu Halten rückte in den Hintergrund, fehlte mir doch die passende Queen dazu.

      Am 14.07.18 lief ich mit meinem Hund über die Lengfelder Felder, diese liegen neben einem mir bekannten P. rufescens Gebiet. Aufgrund der Hitze eine Flasche Wasser im Gepäck. Ich war nicht auf der Suche nach Queens, dennoch habe ich immer die Augen auf den Boden gerichtet, nach dem, was da so herumkrabbelt. Plötzlich ist mir ein kleiner roter Fleck ins äuge gestochen, der am Wegesrand herumgeflitzt ist. Besagter Fleck wird natürlich sofort von mir inspiziert, und sie he da, es ist eine Queen. Aber von welcher Art? Zugegeben, es hat einige Sekunden gedauert, bis ich realisierte, was ich da vor mir laufen hatte. Aber dann schrillten die Alarmglocken in meinem Kopf: Polyergus rufescens. Die musste ich natürlich fangen, also habe ich schnell meine Flasche leergeext, mit Erde ausgetrocknet und die Queen reinverfrachtet. Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, da mir die Puppen, die ich zur Gründung gebraucht hätte genau jetzt natürlich fehlten. Eine halbe Stunde hab ich mir den Kopf zermartert, wie ich alles organisiere, und bin letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn hat. Ich hatte und habe noch immer nicht die Mittel, diese Art zu halten, vorausgesetzt ich möchte sie naturnah halten. Also lief in in die Nähe des Fundorts zurück. Und entließ sie in die Freiheit. Der Platz, den ich dafür gewählt habe, ist ein etwa 200m langer Feldrand, bestehend aus sonnenbeschienener Erde oder Trockenrasen. Auf 1 Meter abstand Gespickt mit Nestern von Serviformica fusca und Serviformics cunicularia sowie Serviformica rufibarbis. 50cm entfernt von einem mittelgroßen Nest letzterer Art setzte ich die Queen aus und beobachtete sie noch ein wenig. Es hat tatsächlich nicht lange gedauert bis sie erkannt hat was in der Nähe ist und hat zielstrebig eine Punkt neben dem Nest aufgesucht, den Müllberg der Kolonie. Sie hat sich dort am Müll der Kolonie gerieben und in ihm eingegraben, natürlich um den Koloniegeruch anzunehmen. Plötzlich wird sie unterbrochen, von einer Arbeiterin des Serviformica Nests. Diese greift die Queen sofort an, wird allerdings in kürze von dieser umschlungen und durch einen Biss in die Kopfkapsel getötet. Ich habe noch nie so eine schnelle Tötung einer Ameise gesehen. Die Arbeiterin hat jedoch ein Alarmpheromon ausgestoßen weshalb weitere Ameisen die Queen bemerken und sich auf sie stürzen. Teilweise wird sie von 5 Serviformica gleichzeitig bekämpft, aber anscheinend hat sie einen so starken Chitinpanzer dass ihr Bisse nichts ausmachen. Sie windet sich immer wieder frei und bringt vier bis fünf weitere Arbeiterinnen um. Die Angriffe und das überhäufen mit Ameisen sorgen wohl dafür, dass der Koloniegeruch schnell übertragen wird. Irgendwann, nachdem die Queen sich wieder von den Arbeiterinnen befreit hat und auf eine einzelne stößt, wird sie von dieser nurnoch am Bein gepackt und in Richtung Nest gezogen. Dies schien der entscheidende Punkt gewesen zu sein, denn direkt danach rannte die Queen in Richtung Nesteingang und verschwand darin. Die Serviformica machten zu diesem Zeitpunkt einen sehr verwirrten Eindruck. Ich sah zwei Arbeiterinnen miteinander kämpfen, die meisten rannten jedoch total aufgescheucht und unkontrolliert umher. Eventuell hat es mit dem Propagandapheromon zu tun, das die Art Polyergus rufescens besitzt und das dafür sorgt dass sich Serviformica nicht mehr wehren sondern fliehen. Ich weiß jedoch nicht, ob auch Gynen dieses Pheromon ausstoßen können. Oder es ist einfach nur das Alarmpheromon der Serviformica die daraufhin zahlreich aus dem Nest rennen um es zu verteidigen. Jedenfalls strömten immer mehr Arbeiterinnen aus allen Nesteingängen, während die Queen im inneren die Gyne ausmachen und töten will. Ob sie es schafft oder ob sie im Nest der Serviformica rufibarbis umkommt wird sich zeigen. Das Nest steht ab jetzt jedenfalls unter Beobachtung. Ich rechne damit, nächstes Jahr nach der ersten Geschlüpften Generation sehen zu können, ob eine Übernahme geglückt ist. Leider habe ich es in diesem Moment nicht geschafft, zu filmen, allerdings konnte ich ein paar Bilder mittlerer Qualität der gefangenen Queen machen, siehe unten. (Nachtrag: Ich check es immer noch nicht wie man das hochlädt, die Bilder haben ein zu großen Dateiformat. Wenn ich rausbekomme wie das geht werde ich sie als Kommentar hochladen)

      Polyergus rufescens wird in Bayern unter Kategorie 1 (vom Aussterben bedroht) der Roten Liste geführt, hauptsächlich aufgrund von massivem Habitatsverlust. Um so mehr freue ich mich, diese Beobachtung gemacht zu haben. Und drücke der Queen natürlich noch immer die Daumen.

      LG Paul :thanks: